Tränen und Sprachlosigkeit - Bewegende Trauerfeier für in Afghanistan getötete Soldaten in Hannover

Nachricht 03. Juni 2011

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Hannover (epd). Eine Hand legt sich um die Schulter einer weinenden Angehörigen, als von einem Blechbläserchor das "Ave Maria" ertönt. Es ist das Ende eines emotional aufrührenden Trauergottesdienstes für drei in Afghanistan getötete Soldaten in Hannover. Ganz still wird es in der evangelischen Epiphanias-Kirche, als die drei Särge von einem Berliner Bataillon und ehemaligen Kameraden zum Spiel eines einzelnen Trompeters aus der Kirche getragen werden.

Auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) nimmt sichtlich bewegt Abschied. Erstmals steht er als oberster Dienstherr der Bundeswehr vor den Särgen toter Soldaten. "Unser Einsatz in Afghanistan fordert einen hohen Preis", sagt der bekennende evangelische Christ in der voll besetzten Kirche. Die Angehörigen quälten sich mit der Frage nach dem "Warum und warum jetzt": "Wir können ihnen keine Antwort geben."

De Maizière verneigt sich anschließend vor den Toten. "Sie sind nicht mehr unter uns. Sie fehlen uns", betont er. Vor dem Gottesdienst hat er die Angehörigen zu einem persönlichen Gespräch getroffen. "Ob es den Schmerz lindern kann und ob sie die Kraft dazu haben, kann man nicht sagen", sagt der Leiter des Presse- und Informationszentrums der Streitkräftebasis, Hermann-Josef Dresbach. Etliche der Soldaten und Soldatinnen in der Kirche ringen während des Gottesdienstes mit den Tränen.

Auch der hannoversche Landesbischof Ralf Meister ist zu dem Trauergottesdienst gekommen. Lange verweilt er mit geneigtem Kopf vor den aufgebahrten Särgen. Sie sind mit der Flagge der Bundeswehr, Stahlhelm, Auszeichnungen und Porträts geschmückt. Je sechs Soldaten aus den jeweiligen Verbänden der Toten halten die Ehrenwache.

Der evangelische Militärdekan Armin Wenzel aus Kiel spricht in seiner Predigt von "hinterlistigen Anschlägen, die das Leben der drei Soldaten mit ungeheuerlicher Gewalt beendet" hätten: "Sie sind aus der Mitte des Lebens herausgerissen worden." Es sei fraglich, ob sich die Trauer, der Schmerz und der Zorn dieser Tage und Stunden überhaupt in Worte fassen ließen. Der katholische Militärdekan Hartmut Gremler sagt, dass die Familien in ständiger Angst vor dieser bitteren Nachricht lebten.

Der 33-jährige Hauptmann Markus Matthes, der im hessischen Stadtallendorf stationiert war, starb in der vergangenen Woche bei einem Sprengstoffangriff auf einer Patrouille der Bundeswehr. Der 43-jährige Major Thomas Tholi aus Kastellaun in Rheinland-Pfalz und der 31-jährige Hauptfeldwebel Tobias Lagenstein aus Wildeshausen im Kreis Oldenburg kamen nach Bundeswehrangaben am Sonnabend bei einem Anschlag der Taliban auf den Gouverneurspalast in Talokan um.

Der beim Anschlag am vergangenen Sonnabend verwundete ISAF-Regionalkommandeur, Generalmajor Markus Kneip aus Hannover, kann wegen seiner Verletzungen nicht anwesend sein. Am Donnerstag ist bei einem Sprengstoffanschlag auf die Bundeswehr in der Nähe des nordafghanischen Kundus bereits ein weiterer deutscher Soldat getötet worden. Damit steigt die Zahl der bisher in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten auf 52. Von ihnen sterben 33 bei Gefechten oder Anschlägen.

Vor der Kirche verfolgen währenddessen rund 500 Menschen den Trauergottesdienst auf einer Großbildleinwand. Die kleine Backsteinkirche steht mitten in einem Stadtteil. Nachbarn schauen neugierig von den Balkonen. Nach dem Gottesdienst bleiben nur noch die Bilder der Toten in der leeren Kirche stehen. Sie zeigen drei junge Männer in Uniform, die voller Zuversicht und Lebensfreude in die Kamera blicken. Vor ihnen verweilt ein einzelner Soldat.

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