Rotenburger Werke schaffen Anlaufstellen für Gespräche über Gewalterfahrungen - Buch und Dokumentation über behinderte Heimkinder geplant

Nachricht 24. Februar 2011

Rotenburg/Wümme (epd). Die diakonischen Rotenburger Werke bei Bremen haben ein Netz von Anlaufstellen geschaffen, damit ehemalige behinderte Heimkinder leichter über ihre Erfahrungen mit Gewalt und Unrecht in den 50er und 60er Jahren reden können. "Auch in den damaligen Rotenburger Anstalten gab es Zwang und Gewalt", sagte am Mittwoch die Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke, Jutta Wendland-Park. Diese Geschichte solle mit Gesprächen, einem Buchprojekt und einer Dokumentation offen aufgearbeitet werden. Die Werke gehören zu den größten Einrichtungen der stationären Behindertenhilfe in Niedersachsen.

"Mich beschämt, dass auch in dieser Einrichtung unser christlicher Anspruch von der Wirklichkeit so sehr abgewichen ist", sagte die Theologin Wendland-Park, die vor fünf Jahren nach Rotenburg kam. In der Einrichtung hat es nach den Worten ihres leitenden Psychologen Burkhard Stahl vielfach Gewalt gegeben, so etwa zwischen Mitarbeitenden und Bewohnern, aber auch unter den Bewohnern selbst und zwischen den Mitarbeitenden.

Aufmüpfige Jugendliche wurden geprügelt und in Zellen gesperrt. Nach bisherigen Berichten wurden Bewohner etwa mit Fußschnallen gefesselt. Nach dem Essen mussten einige den Kopf auf den Tisch legen, damit die Schwester Mittagsruhe halten konnte. "Wer den Kopf hobt, wurde mit einer Schere wieder runter gedrückt", sagte Stahl. Das alles seien aber Einzelfälle gewesen.

Die Rahmenbedingungen wie Personalnot und Stationen mit mehr als 50 Menschen hätten die Gewalt befördert, ergänzte Klaus Brünjes. Der heute 52-Jährige kam im Alter von fünf Jahren mit einer Kinderlähmung in die Rotenburger Anstalten. Heute zählt er zur Mitarbeiterschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es in Rotenburg wie überall in Deutschland nur die Krankenpflege und die damals so genannte "Irrenpflege" gegeben, sagte er. Eine pädagogisch bestimmte Heilerziehungspflege entstand erst in den 70er Jahren.

Zu den Anlaufstellen gehören neben der Leiterin Wendland-Park, dem leitenden Psychologen und den Pastoren der Werke auch die externe Lebensberatung in Rotenburg. Die Ergebnisse der Gespräche münden zum Teil in ein Buch über "Geschichte und Geschichten" aus den Rotenburger Werken ein, das im August in den Druck gehen soll.

Das entsprechende Kapitel schreibt der hannoversche Erziehungswissenschaftler Manfred Heinemann. Darüber hinaus ist eine umfangreichere Dokumentation geplant. "Wir wollen alles dafür tun, dass diese Dinge sich nicht wiederholen können", betonte Wendland-Park.

Sie hatte sich bereits im September 2008 im Namen der Werke bei den Betroffenen für geschehenes Unrecht entschuldigt. Die Werke blicken auf eine mehr als 130-jährige Geschichte zurück. Dort leben derzeit etwa 1.100 behinderte Menschen. Mit rund 1.600 Beschäftigten zählt die Einrichtung außerdem zu den größten Arbeitgebern der Region.

Internet: www.rotenburgerwerke.de

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