Der Südsudan ist geboren – der Staatsaufbau braucht ökumenische Unterstützung

Nachricht 22. Februar 2011

Afrikanische Religionsführer lobten letzten Freitag ökumenische Organisationen und insbesondere den Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) für ihre Hilfe bei „dem Wunder“ der südsudanesischen Unabhängigkeit.

Jedoch wiesen sie auch darauf hin, dass „der Weg noch lang“ sei und anhaltende Bemühungen seitens der ökumenischen Gemeinschaft noch für einige Zeit nötig seien.

In dem am 9. Januar abgehaltenen Referendum stimmten nahezu 99 Prozent der mehrheitlich christlichen bzw. animistischen Stimmberechtigten im Südsudan für eine Abspaltung vom islamisch geprägten Sudan mit der nördlichen Hauptstadt Khartoum. Durch diesen Akt entstand die jüngste Nation der Welt.

Gemäß dem Friedensabkommen von 2005 (Comprehensive Peace Agreement, CPA) wird das Land am 9. Juli unabhängig; es wird dann höchstwahrscheinlich den Namen Republik Südsudan tragen.
„Nach allem, was passiert ist, danken wir Gott dafür, dass er diesen Krieg beendet hat“, sagte Pastor James Lagos Alexander von der Afrikanischen Inlandskirche in Khartoum auf der Tagung des ÖRK-Zentralausschusses in Genf (Schweiz) vor zahlreichen Besuchern.
„Das Referendum hat bewiesen, dass die Südsudanesen in der Lage sind, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Bitte unterstützen Sie sie auch weiterhin“, fuhr er fort.

Mit dem Referendum geht ein fast 60 Jahre dauernder Konflikt zu Ende, der sich von der Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten im Jahr 1956 bis in die Gegenwart zog und über drei Jahrzehnte Bürgerkrieg beinhaltete (1963-1972 und 1983-2005). In dieser Zeit starben über zwei Millionen Sudanesinnen und Sudanesen; vier Millionen wurden vertrieben.

Dass das Referendum friedlich und zeitlich wie geplant durchgeführt werden konnte, wird in großen Teilen den afrikanischen Religionsführern und ökumenischen Organisationen in der Region und in ganz Afrika zugeschrieben.

In vorderster Linie engagierte sich das Ökumenische Forum Sudan (SEF), das 1995 inmitten des Bürgerkrieges gegründet worden war, die Gesamtafrikanische Kirchenkonferenz (AACC), der Sudanesische Kirchenrat und in letzter Zeit eine diplomatische Gruppe des SEF unter der Leitung des ökumenischen Sondergesandten Pastor Samuel Kobia, des ehemaligen ÖRK-Generalsekretärs.

Das Referendum fand auf der Grundlage des Friedensabkommens von 2005 statt, das mithilfe der Kirchen zwischen dem Norden und dem Süden ausgehandelt worden war.

„2009 stellten die sudanesischen Kirchen fest, dass die Vorbereitungen [für die Abstimmung] nicht gut liefen", erklärt Kobia, "deswegen haben wir uns an die internationale ökumenische Gemeinschaft gewandt, um das Friedensabkommen zu retten.“

Das SEF-Team habe schnell in vier Richtungen agiert, schildert Kobia: Es habe sichergestellt, dass alle Unterzeichner des Friedensabkommmens an dem Abhalten des Referendums wie vorgesehen festhielten, es habe im Südsudan eine friedliche Atmosphäre für die Abstimmung geschaffen, ein gemeinsames Ziel gefördert und Bemühungen zur Information der Stimmberechtigten unterstützt.

„Für die meisten Sudanesen war das die erste Abstimmung ihres Lebens“, fügt Kobia hinzu. „Deswegen haben die Kirchen 350 Beobachter entsandt – ich glaube nicht, dass irgend eine andere Abstimmung jemals so gründlich kontrolliert wurde.“

Die allgemeine Beurteilung, dass die Abstimmung gültig sei, bedeute „dass niemand das Ergebnis anfechten konnte. Der erste, der das anerkannt hat, war Omar al-Bashir“, sagte Kobia mit Bezug auf den sudanesischen Präsidenten, der sich lange Zeit gegen ein Referendum gewehrt hatte.

Jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit auf den 9. Juli 2011, wenn der Aufbau des Staates Südsudan beginnt. Kobia schilderte acht Prioritäten, die nach dem Referendum angegangen werden müssten:
Diese seien ein Folgereferendum im ölreichen Grenzgebiet Abyei und weitere Grenzziehungen, ein Abkommen zum Teilen der Öleinnahmen, Wassermanagement, die Frage der Verschuldung, Bürgerschaftsabkommen sowie internationale Maßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen.

Nach ihrer aktiven Rolle im Friedensprozess müssten die Kirchen jetzt „einen Prozess des Nachdenkens beginnen, wie sie die Menschen solidarisch beim Staatsaufbau begleiten können“, sagte Kobia.

Außerdem äußerte er sich besorgt über die Lage der Christinnen und Christen im Norden, wo das strengere Recht der Scharia gilt.
„Khartoum will keine Rechte für im Norden lebende Christen”, sagte er. „Viele christliche Kirchen und Schulen stehen jetzt leer, aber es gibt nach wie vor eine lebendige christliche Gemeinschaft im Norden. Deswegen sprechen wir mit dem AACC und dem Kirchenrat des Nahen Ostens, um herauszufinden, wie wir unsere Brüder und Schwestern im Norden am besten unterstützen können.“

Den Kirchen und der ökumenische Gemeinschaft werde in naher Zukunft eine wichtige Rolle zukommen, sagte Bischof Robert Aboagye-Mensah, Methodist aus Ghana und Vizepräsident der AACC.

„Es ist wichtig, die bedeutende Rolle der Kirche bei der Ermöglichung dieses Wandels zu verstehen”, sagte er. „Wenn die Kirche das sudanesische Volk nicht begleitet hätte, wäre das Friedensabkommen nicht möglich gewesen und das Referendum hätte nicht stattgefunden. Jetzt, wo der neue Staat aufgebaut wird, lautet die Botschaft der Sudanesen an die Kirche: „Lasst uns nicht allein!“

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