"Jetzt sind wir angekommen" - In Hameln weiht die Jüdische Gemeinde den deutschlandweit ersten Neubau einer liberalen Synagoge ein

Nachricht 15. Februar 2011

Von Petra Neu (epd)

Hameln (epd). Für das Foto vor dem Heiligen Schrein schafft Rachel Dohme eilig umherliegendes Werkzeug beiseite. Dann posiert die erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hameln vor dem aus hellem Ahornholz gefertigtem Tora-Schrein. Sie strahlt vor Freude. Jahrelang hat Dohme mit ihrer Gemeinde in provisorisch eingerichteten Räumen Gottesdienste gefeiert. "Jetzt sind wir angekommen", sagt sie, während Handwerker dem deutschlandweit ersten Neubau einer liberalen Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg den letzten Feinschliff verleihen.

Weiß sind die Wände im Inneren der Synagoge. Der Boden ausgelegt mit geöltem und geräuchertem dunklen Eichenparkett, ein dunkelblauer Davidstern ziert ein rundes Oberlicht über dem Altarraum. Gleichzeitig lugt der hellblaue Himmel durch die in ihrer Anzahl symbolisch für die zehn Gebote stehenden Fenster. "Schlicht wie unsere Gemeinde", erläutert Dohme und lächelt. Sie ist Vorsitzende für rund 200 Mitglieder der 1997 von ihr und russischen Einwanderern in Hameln gegründeten liberalen jüdischen Gemeinde.

"Hier finden die heiligen Tora-Schriften ihren Platz", erzählt Dohme und deutet hinter zwei große, mit hebräischen Messingbuchstaben verzierte Glastüren in den Schrein. Rund 12.000 Euro hat die neue Tora-Rolle gekostet, die die New Yorker Rabbinerin Jo David zur Einweihung aus Amerika mitbringt. "Es ist nur bekannt, dass sie vor rund 100 Jahren in Deutschland geschrieben wurde." New Yorker Spender und der Arbeitskreis christlicher Kirchen aus Hameln haben die Kosten übernommen.

Errichtet wurde der Neubau genau dort, wo vor mehr als 70 Jahren schon einmal ein jüdisches Gebetshaus stand. Nur die mit Brandschutz verfüllten Grundmauern des Vorgängerbaus, in der Reichspogromnacht 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde, blieben erhalten. Jetzt erhebt sich auf ihnen der ellipsenförmige, schlichte Nachfolger. Bei den Ausschachtungsarbeiten wurden noch bunte Glasscherben und Porzellanteile aus der alten Synagoge gefunden. Sie sollen bald in einer Dauerausstellung im Hamelner Museum zu sehen sein.

"Es gibt Anzeichen dafür, dass die alte Synagoge liberal ausgerichtet war", sagt die gebürtige US-Amerikanerin Dohme. Auch die heutige Gemeinde hat sich der liberalen Ausrichtung des Judentums angeschlossen. Frauen und Männer haben in dieser Tradition die gleichen religiösen Rechte und Pflichten. "Wir haben etwa mit Irit Shillor eine Frau als Rabbinerin."

Ohne die Hilfsbereitschaft vieler Spender wäre der rund eine Million Euro teure Bau kaum möglich gewesen. Das Land Niedersachsen, die Stadt Hameln und der Landkreis Hameln-Pyrmont übernahmen rund zwei Drittel der Kosten. Den Rest finanziert eine eigens für den künftigen Erhalt der Synagoge gegründete Stiftung durch Spenden und ein Darlehen.

Von allen Seiten habe sie nur positive Rückmeldungen bekommen, sagt Dohme. "Als wir mitten in den Bauarbeiten waren, kamen zwei kleine muslimische Jungs aus der Nachbarschaft. Ich habe sie herumgeführt und ihnen alles erklärt." Jetzt fiebert sie dem ersten Sabbatgottesdienst am Freitagabend entgegen. Die Gemeinde wird ihn ganz für sich feiern. Die Vorsitzende ist sich sicher: "Alle unsere Mitglieder werden kommen."

Voll wird es in der Synagoge auch zur offiziellen Einweihung am Sonntag. Schließlich findet der Neubau bundesweite und internationale Beachtung. Neben dem niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) richten der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, und der Europa-Präsident der Weltunion für progressives Judentum, Leslie Bergmann, das Wort an die Gemeinde.

Jetzt, ein paar Tage vor dem erwarteten Trubel, steht Rachel Dohme an dem großen runden Fenster entlang einer Treppe, die hinauf in den ersten Stock der Synagoge führt, und blickt bereits in die nächsten Wochen. Dort oben wird bald der Gemeindechor üben. Interessierte finden hier Deutsch-, Yoga- und Literaturkurse, und junge Juden werden auf ihre Bar Mitzwa vorbereitet, eine Art Konfirmation. Dohmes Blickt schweift zu den zwei geschützten Pyramiden-Eichen direkt vor dem Fenster. Die beiden Bäume sind gepflanzt worden, als die erste Synagoge 1879 eingeweiht wurde: "Ich hoffe, sie beschützen unser neues Gotteshaus länger als das alte."

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen