Hannoverscher Journalist beschreibt Anpassung des Theologen Heinz Brunotte an das NS-Regime

Nachricht 01. Februar 2011

Hannover (epd). Der Theologe Heinz Brunotte (1896 bis 1984) prägte jahrzehntelang von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die spätere Bundesrepublik die evangelische Kirche. In seiner Dissertation über "Heinz Brunotte - Anpassung des Evangeliums an die NS-Diktatur" schildert der Journalist und Theologe Jens Gundlach das Leben und Wirken des prominenten und umstrittenen Hannoveraners. Am Montagabend stellte Gundlach seine wissenschaftliche Arbeit vor, die im Lutherischen Verlagshaus Hannover als Buch erschienen ist.

In einer Podiumsdiskussion versuchte Gundlach, die "dramatischen Veränderungen" des späteren Präsidenten des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zu erläutern. Brunotte, der aus einem liberalen Elternhaus stammte, sei zunächst sozialdemokratisch und gewerkschaftsfreundlich orientiert gewesen. Damit habe er in der hannoverschen Landeskirche eher eine Außenseiterposition eingenommen.

Er sei ein Schüler Karl Barths gewesen, der als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts gilt. 1933 habe Brunotte jedoch eine "innere Wende" vollzogen, die sich wohl schleichend angebahnt habe. 1936 schrieb er, dass die NS-Weltanschauung mit dem christlichen Glauben vereinbar sei, sofern sich diese nicht zur Religion erhebe. Gundlach nannte diese Verknüpfung "absurd und pervers" und "einen klaren Verrat am Evangelium".

Brunotte, der in diesen Jahren als Oberkonsistorialrat in Berlin mit an der Spitze der Kirche stand, habe zwischen Kompromissen mit dem verbrecherischen Regime und Kollaboration geschwankt. Unter anderem arbeitete er an einem Paragrafenwerk mit, das die Christen jüdischer Herkunft faktisch aus der Kirche ausschloss. Brunotte habe so die Kirche erhalten und ihr Handlungsspielräume bewahren wollen.

Der hannoversche Politikwissenschaftler, Professor Joachim Perels, fragte: "Was war das denn noch für eine Kirche, in der Jesus den gelben Stern getragen hätte und nicht in die Kirche hineingelassen worden wäre?" Brunotte sei kein Einzelfall und auch kein innerkirchliches Problem gewesen, betonte Perels. Dennoch sei es auch möglich gewesen, dem Regime kritisch zu begegnen. Dies zeigten die Werdegänge von Martin Niemöller, Theophil Wurm oder Hans Asmussen.

Nach Kriegsende sei Brunotte zum "Wendehals" geworden, sagte Gundlach. Noch bevor die Alliierten Deutschland erreichten, habe er schon damit begonnen, Englisch zu lernen. Er sei zunächst entlassen worden und in die hannoversche Landeskirche zurückgekehrt.

1949 habe er seine Karriere an der Spitze der EKD fortgesetzt. An der neuen Kirchenverfassung hat er Gundlach zufolge dann "in genialer Weise" mitgeschrieben: "Das verdient jeden Respekt." Seine persönliche Schuld angesichts seines Schweigens zu den NS-Verbechen habe er allerdings erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1984 eingestanden.

Jens Gundlach. Heinz Brunotte. Anpassung des Evangeliums an die NS-Diktatur. Lutherisches Verlagshaus Hannover, 39,90 Euro

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