Gedenkstättenleiter: Erinnerung an NS-Opfer braucht Zukunftsperspektive

Nachricht 26. Januar 2011

epd-Gespräch: Karen Miether

Celle (epd). Für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus müssen nach Ansicht des Leiters der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Habbo Knoch, immer neue Wege gefunden werden. Auch deshalb habe der frühere Bundespräsident Roman Herzog den Holocaust-Gedenktag ins Leben gerufen, der an diesem Donnerstag begangen wird. "Ziel muss es sein, Projekte anzuregen, die sich nicht auf rituelles Gedenken beschränken, sondern zugleich Perspektiven für das Lernen der Zukunft entwickeln", sagte Knoch am Mittwoch im epd-Gespräch.

"Von der vielbeschworenen Erinnerungsmüdigkeit spüren wir wenig", sagte der Geschäftsführer der Stiftung in Celle, zu der 15 niedersächsische Gedenkstätten gehören. Allein die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen bei Celle besuchen Knoch zufolge jährlich rund 300.000 Einzelgäste und mehr als 1.000 Schulklassen. Insgesamt werden Angebote der Gedenkstätten von rund einer halben Million Besucher wahrgenommen und im Jahr etwa 2.500 Gruppen betreut.

Wenn an historischem Ort Spuren der Vergangenheit neu aufgearbeitet werden, stoße das auf großes Interesse. Ein Beispiel sei die Gedenkstätte Sandbostel bei Bremen. Auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenlagers sollen etwa 1,4 Millionen Euro investiert werden, um Baracken vor dem Verfall zu bewahren und Dauerausstellungen aufzubauen.

"Vor allem die jüngeren Besucher fragen aber schon, was hat das mit uns zu tun?", sagte Knoch weiter. "Wir wollen weg von einer Zeigefingerpädagogik, weil wir nicht glauben, dass sie bei Jugendlichen Prozesse der eigenen Auseinandersetzung fördert." Junge Menschen fänden dagegen oft einen Zugang, wenn sie sich etwa mit der Biografie derjenigen auseinandersetzten, die in den NS-Lagern gelitten haben. In der Region Celle arbeite die Stiftung zum Beispiel mit Jugendzentren an einem Projekt, in dem Jugendliche Hörbücher zu ihrer eigenen Lebensgeschichte produzieren und dabei auch die Geschichte ihrer jeweiligen Heimat einbeziehen.

Es gebe immer weniger Überlebende des NS-Terrors, die selbst von ihren schrecklichen Erlebnissen berichten könnten. Darum kommt den Besuchern der Gedenkstätten und ihrer Ausstellungen mit Zeitzeugenberichten eine wichtige Rolle zu, ist Knoch überzeugt. "Jeder von ihnen wird zu einem Zeugen der Zeugen und trägt die Erinnerung weiter." Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fördere die Zivilcourage. Darüber hinaus müsse die Gesellschaft angesichts zunehmender rechtsextremistischer Tendenzen immer wieder nach ihren Wertegrundlagen fragen. "Die Ursachen des rechtsextremistischen Gedankenguts sind so vielfältig, dass allein Information über NS-Verbrechen nicht ausreicht, sie zu bekämpfen."

Internet: www.stiftung-ng.de

Stichwort: Holocaust-Gedenktag

Berlin/Hannover (epd). Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar als "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" (International Day of Commemoration to honour the victims of the Holocaust) aus. Seit 2006 wird er weltweit begangen. Der Bundestag kommt an diesem Gedenktag alljährlich zu einem Staatsakt zusammen, an dem alle Spitzen der Verfassungsorgane teilnehmen.

Der Begriff "Holocaust" leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet "Brandopfer". Er wird heute vor allem für den systematischen Völkermord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten verwendet. Bis zum Kriegsende wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.


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