"Lobetal habe ich säubern lassen" - Behinderteneinrichtung erinnert mit Buch an ihre Wurzeln und das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte

Nachricht 24. Januar 2011

Von Karen Miether (epd)

Celle/Lübtheen (epd). Im April 1941 scheint das Lebenswerk von Erna Marie Biedermann vor dem Ende zu stehen. Die Nationalsozialisten zwingen die Oberin, das Kinder- und Altenheim Lobetal im Mecklenburgischen Lübtheen zu räumen. Dort betreuen Diakonissen unter anderen behinderte Kinder, die dem Euthanasie-Mordprogramm der Nazis zum Opfer fallen. "50 blöde Kinder, unsere geliebten Juwelen, kamen in eine Irrenanstalt, wo sie alle eines unnatürlichen Todes starben", heißt es im Sprachgebrauch der damaligen Zeit in den Notizen von Biedermanns Nachfolgerin Erika Schier.

Biedermann (1894-1951) hat das Heim 13 Jahre zuvor gegründet. Mit oft an Aufopferung grenzendem Einsatz leisteten Diakonissen wie die Tochter des wohlhabenden Bremer Kaufmanns Wilhelm Biedermann Pionierarbeit, ist der Journalist Joachim Piper überzeugt. Er hat erstmals die Geschichte des Lübtheener Heimes erforscht, aus dem mit der Lobetalarbeit in Celle eine der größten Behinderteneinrichtungen in Niedersachsen hervorging.

Der frühere Chefredakteur der "Evangelischen Zeitung" in Hannover schildert in einem neuen Buch, wie das Heim der evangelischen Kirche örtlichen Machthabern schon länger ein Dorn im Auge war. Offiziell muss das Haus mit 153 Kindern und alten Menschen einem Marinedepot weichen, und das verläuft in rechtlich geordneten Bahnen. "Wer in dieser Zeit etwas für militärische Zwecke beschlagnahmen wollte, hatte ein unbestechlich starkes Argument parat."

Dennoch hat es zu wenig Gegenwehr gegeben, bilanziert Piper. Dass den behinderten Kindern die Ermordung droht, ist 1941 bekannt. Im September 1939 hatte Hitler den "Euthanasie"-Erlass unterzeichnet, hinter dessen verharmlosender Bezeichnung sich der Massenmord an Tausenden behinderten und kranken Menschen verbarg.

Die Lobetal-Vorsteher August Dallmeyer (1872-1946) und Wilhelm Biedermann (1866-1948) gehören zu den wenigen, die Einspruch erheben. Die Regierung überschreite eine Grenze, schreibt Dallmeyer im November 1940 an den Reichsminister des Inneren. Sie habe "als Gottes Dienerin" die Pflicht, Leben zu schützen. "Aber sie hat nicht das Recht, das Leben - und wäre es das minderwertigste - zu vernichten, wie es in diesem Fall beabsichtigt ist."

Dallmeyers Brief zeigt in welch heiklen Bereich er sich vorwagt. So merkt er darin an, dass im Dritten Reich öffentliche Kritik an der Regierung nicht geduldet werde: "Was seine Berechtigung hat." Er trage darum persönliche Kritik vor. Das Buch "Lobetal habe ich säubern lassen", das die Lobetalarbeit in Celle herausgibt, greift im Titel eine zynische Äußerung des Schweriner Reichsstatthalters Friedrich Hildebrand auf.

Es würdigt auch die Aufbauarbeit, die Frauen wie Erna Biedermann für die Diakonie geleistet haben. "Die Diakonissen haben nicht aufgegeben", sagt der heutige Leiter der Lobetalarbeit, Carsten Bräumer. "Aus der Katastrophe ihrer von den Nazis veranlassten Vertreibung sind neue Formen der Diakonie in Lübtheen und Celle entstanden."

Im November 1941 gehen die Diakonissen nach Hetendorf bei Celle, wo Wilhelm Biedermann ein neues Heim eröffnet. 1945 kehren einige von ihnen nach Lübtheen zurück. Dort gibt es heute Senioreneinrichtungen, die seit 2009 wieder zur Lobetalarbeit in Celle gehören. Aus den Hetendorfer Anfängen wuchs mit mehr als 1.100 Betreuten in der Behindertenarbeit und Altenpflege eine der größten diakonischen Einrichtungen in Niedersachsen.

Hinweis: "Lobetal habe ich säubern lassen" ist für 5 Euro über die Lobetalarbeit in Celle zu beziehen, ISBN 978-3-00-032955-5, Internet: www.lobetalarbeit.de

Stichwort: Holocaust-Gedenktag

Berlin/Hannover (epd). Der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus wurde 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog proklamiert und auf den 27. Januar festgelegt. An diesem Tag war 1945 das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden.

Die Vereinten Nationen riefen 2005 den 27. Januar als "Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust" (International Day of Commemoration to honour the victims of the Holocaust) aus. Seit 2006 wird er weltweit begangen. Der Bundestag kommt an diesem Gedenktag alljährlich zu einem Staatsakt zusammen, an dem alle Spitzen der Verfassungsorgane teilnehmen.

Der Begriff "Holocaust" leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet "Brandopfer". Er wird heute vor allem für den systematischen Völkermord an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten verwendet. Bis zum Kriegsende wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
24.1.11