Käßmann: Religionen sollen Konflikte entschärfen - Frühere EKD-Ratsvorsitzende hält Antrittsvorlesung an der Ruhr-Universität

Nachricht 12. Januar 2011

Bochum/Hannover (epd). Die Religionen dürfen nach Ansicht der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, nicht länger zur Verschärfung von Konflikt beitragen. Vielmehr sollten sie Konflikte über Religionsgrenzen hinweg entschärfen, forderte Käßmann am Mittwoch in ihrer Antrittsvorlesung an der Bochumer Ruhr-Universität.

In ihrem Vortrag "Multikulturelle Gesellschaft - Wurzeln, Abwehr und Visionen" plädierte die 52-jährige Theologin auch dafür, dass sich die deutsche Gesellschaft "den Herausforderungen des Zusammenlebens Verschiedener" stellen müsse. Käßmann ist erste Inhaberin der neu eingerichteten Max-Imdahl-Gastprofessur an der Ruhr-Uni.

Die Gesellschaft dürfe sich weder abschotten noch Ängste schüren, sagte die frühere hannoversche Landesbischöfin in der öffentlichen Vorlesung. "Purer Idealismus" und Wegschauen seien genauso wenig förderlich. Stattdessen forderte sie "konstruktive Konzepte" für ein Miteinander unterschiedlicher Menschen aus verschiedenen Nationen. So sei es eine der zentralen Fragen der Zukunft des Islam in Deutschland, ob er sich selbst als "offensiv demokratiekompatibel" verstehe.

Zu den Grundpfeilern eines künftigen Miteinanders gehören nach ihrer Ansicht die Anerkennung bestehender Gesetze und das Beherrschen der deutschen Sprache. "Wer nach Deutschland zuwandert, wird deutsches Recht akzeptieren müssen", sagte Käßmann. Gleichzeitig sei es wichtig, Sprachkompetenz zu fördern. Denn Sprache integriere. Zudem müsse die Begegnung auf allen gesellschaftlichen Ebenen intensiviert, die Bildung stärker gefördert sowie Respekt und Toleranz gelebt werden.

Ziel der Integrationsdebatte müsse es sein, die richtige Balance zu finden zwischen "klaren gemeinsamen Grundlagen unserer Gesellschaft" und "der Freude und Offenheit für Vielfalt für das Verschiedene". Begriffe wie "multikulti", "Leitkultur" oder "Parallelgesellschaft" würden dieser schwierigen Balance nicht gerecht, sagte Käßmann.

Die Max-Imdahl-Gastprofessur erinnert an den Bochumer Kunsthistoriker Max Imdahl (1925-1988), der zur Gründergeneration der Ruhr-Universität gehörte. Während ihrer einjährigen Professur wolle sie "sozialethische Themen der Zeit" aufgreifen und sich dem Bereich Ökumene widmen, hatte Käßmann zuvor angekündigt. Die Theologin war im vergangenen Februar nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von allen kirchlichen Ämtern zurückgetreten.

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12.1.2011