Seelsorge am Telefon soll Selbsttötungen im Gefängnis verhindern

Nachricht 11. Januar 2011

Hannover (epd). Mit Hilfe von Gefängnisseelsorgern am Telefon will Niedersachsens Justizminister Bernd Busemann (CDU) die Zahl der Suizide in Gefängnissen vermindern. "In extremen Lebenssituationen, wie es die Inhaftierung ist, kann geistiger Beistand sehr wichtig sein", sagte Busemann am Dienstag in Hannover. Ein entsprechendes Pilotprojekt läuft seit zehn Monaten in vier niedersächsischen Haftanstalten. Nach Angaben des Ministers werden mehr als die Hälfte der Suizide von Gefangenen in der Untersuchungshaft und in der ersten Haftzeit begangen. Während der U-Haft dürfen Gefangene keine unkontrollierten Kontakte nach außen haben.

In den Justizvollzugsanstalten in Braunschweig, Oldenburg, Hannover und Rosdorf bei Göttingen können Untersuchungshäftlinge seit März 2010 innerhalb der ersten 14 Tage nachts in ihrem Haftraum anonym mit einer Seelsorgerin oder einem Seelsorger telefonieren. Dazu wurden den Angaben zufolge 100 Hafträume mit entsprechender Technik ausgestattet. 25 Gefängnisseelsorger wirken an dem Pilotprojekt mit. Sie unterliegen einer Schweigepflicht. Die Anrufe laufen nachts bei ihren Privatanschlüssen auf.

"Vielen Gefangenen hilft es sehr, wenn sie im Seelsorger einem Menschen begegnen, der in ihnen nicht zuerst den Straftäter, sondern den trotz all seiner Fehler und Verfehlungen von Gott geliebten Menschen sieht, der ihre Hilfe braucht", sagte Busemann. Wenn die Seelsorger den straffällig gewordenen Menschen helfen könnten, ihr Leben aufzuarbeiten und Perspektiven zu entwickeln, könne das ein erheblicher Beitrag zur Resozialisierung sein.

Eine erste Auswertung des Pilotprojektes habe ein positives Echo ergeben, sagte der Minister. Inzwischen lägen dazu auch Anfragen aus anderen Bundesländern vor. Das Projekt solle auf weitere Haftanstalten ausgeweitet werden. Niedersachsen wende zurzeit 1,8 Millionen Euro pro Jahr für Gefängnisseelsorge auf. Die evangelische Kirche erhielt dafür rund 950.000 Euro, die katholische Kirche rund 700.000 Euro. Auch muslimische Gefangene nähmen das Angebot der christlichen Seelsorger wahr. Zudem kämen auch muslimische Geistliche in die Anstalten.

Häftlinge haben nach Angaben des Justizministeriums ein bis zu sechsfach höheres Risiko für eine Selbsttötung als Nichtinhaftierte. Die Zahl der Suizide in Gefängnissen schwankt bundesweit zwischen 94 im Jahr 2004 und 61 in 2009. In Niedersachsen nahmen sich 2005 elf Häftlinge das Leben. 2007 waren es drei, 2010 sechs.

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