Wartestation statt "Tor zur Freiheit" - Im Januar kommen die ersten Asylbewerber im Grenzdurchgangslager Friedland an

Nachricht 03. Januar 2011

Von Petra Neu (epd)

Friedland/Kr. Göttingen (epd). In der kleinen evangelischen Kapelle im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen ist es ruhig. Nur wenige Spätaussiedler stapfen durch den Schnee in Richtung Kirche. Im Laufe des Januars, wenn das Lager für Asylsuchende in Niedersachsen erste Anlaufstation werden soll, wird sich das ändern. Der evangelische Lagerpastor und Chef der Inneren Mission, Martin Steinberg, stellt sich auf neue Aufgaben ein. "Da kommt eine Menge Vermittlungsarbeit auf uns zu", sagt er.

Spätaussiedler werden sich dann Kirchenbänke, Speisesaal, Spielplatz, das ganze Lagergelände mit den Flüchtlingen teilen. Rund 150 Asylsuchende sollen im ersten Quartal kommen. "Wir erwarten traumatisierte Menschen", sagt Steinberg.

Die Atmosphäre im Lager werde sich ändern. "Der Status derjenigen, die jetzt kommen, ist völlig unsicher." Sie haben Auflagen, dürfen den Landkreis nicht verlassen, erhalten Gutscheine für Kleidung und haben kaum eigenes Geld, zählt Steinberg auf. Nicht mal zehn von hundert Flüchtlingen können mit einer Anerkennung rechnen. "Das ist brutal", sagt der Pastor.

Bei den Spätaussiedlern ist das anders. Sie haben ein klares Ziel vor Augen. Nach dem Bundesvertriebenengesetz dürfen fast alle in Deutschland bleiben. Im Lager führen sie ein geregeltes Leben, das morgens um acht Uhr mit Integrationskursen beginnt. Für sie ist das Grenzdurchgangslager noch das "Tor zur Freiheit", das es nach dem Zweiten Weltkrieg für Hunderttausende von Flüchtlingen und Heimkehrern aus der Kriegsgefangenschaft war.

"Während die Einwanderer Deutschkurse besuchen, können Asylsuchende nur warten", sagt Lagerleiter Heinrich Hörnschemeyer. Dabei hätten viele Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern bereits ein hartes Schicksal erlitten.

Pastor Steinberg und die Wohlfahrtsverbände im Lager wollen deshalb Therapiemöglichkeiten für die Asylsuchenden schaffen. "Wir stehen in Kontakt mit persischen und kurdischen Therapeuten", sagt er. Dolmetscher könnten aus 20 Sprachen übersetzen. Um Fehler im Asylverfahren zu vermeiden, sei eine Broschüre verfasst worden, die den Flüchtlingen direkt nach der Ankunft ausgehändigt wird. Darin sind wichtige Begriffe wie "Ausländerbehörde" oder "Aufenthaltsrecht" auf Arabisch, Englisch, Französisch und in Farsi erläutert.

Lagerleiter Hörnschemeyer schätzt, dass die Asylbewerber im Schnitt zwei bis drei Monate in Friedland bleiben werden. Zunächst sollen Iraker aufgenommen werden. "Da haben wir schon Erfahrungen, was die Kultur und die Sprache angeht", sagt er. Erst im Sommer waren die letzten verfolgten und im Rahmen des Resettlement-Programmes in Deutschland aufgenommenen irakischen Christen aus dem Grenzdurchgangslager verabschiedet worden.

Die Betten für Asylsuchende sollen im Laufe der Zeit aufgestockt werden, so Hörnschemeyer weiter. Insgesamt könnten dann 350 Libanesen, Afghanen, Afrikaner und Iraner untergebracht werden. Um zwischen den unterschiedlichen Kulturen zu vermitteln, stelle das Land vorerst zwei Sozialarbeiter in Friedland zur Verfügung. Erfahrungen aus anderen Aufnahmestellen hätten gezeigt, dass das sinnvoll sei.

Ein Dialog ist auch mit der Bevölkerung Friedlands geplant. "Das Lager befindet sich mitten im Wohngebiet", sagt Seelsorger Steinberg. Die Veränderungen bewegten da auch die rund 1.300 Menschen im Ortsteil Friedland. Als "sehr kluge Entscheidung" bezeichnet Steinberg deshalb die Entscheidung der Gemeinde, eine zentrale Anlaufstelle einzurichten, an die Anwohner sich mit ihren Fragen wenden können. "Nicht jeder kommt damit direkt zu uns", sagt auch Lagerleiter Hörnschemeyer.

Im Grenzdurchgangslager sei man gut vorbereitet auf die neuen Aufgaben, resümiert er. "Wir wollen deutlich machen, dass Asylsuchende hier willkommen sind, unabhängig vom Ergebnis ihres Asylverfahrens." Und auch Pastor Steinberg freut sich auf die Arbeit mit den Flüchtlingen, obwohl er weiß, dass nicht alle von ihnen eine Chance in Deutschland bekommen werden. "Wenn wir von 100 Menschen nur fünf ein neues Leben geben können, hat sich die Arbeit gelohnt."

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3.1.2011