Die Predigt zum 1. Advent von Bischofsvikar Hans-Hermann Jantzen

Nachricht 28. November 2010

Predigt über Jer. 23, 5-8 am 1. Advent (28.11. 2010) in St. Johannis Lüneburg von Hans-Hermann Jantzen Bischofsvikar der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers

Liebe Gemeinde:

Am Anfang war Zukunft.
Dann häuften sich Erinnerungen.
Am Ende räumt Vergessen auf.

Diese Zeilen des Schweizer Dichters Kurt Marti beschreiben meines Erachtens treffend, wie sich das Bewusstsein vom Advent im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Die ursprüngliche Schärfe der biblischen Hoffnung, Gott schickt seinen Messias, seinen Retter, der die Welt radikal verändert, ist verblasst. Nur die Adventslieder und gottesdienstlichen Texte reden noch davon. Ansonsten ist die Adventszeit zu einer vorweihnachtlichen Zeit geworden und hat ihre eigene Prägung verloren. Alles ist schon auf Weihnachten gestimmt (oder besser: „getrimmt“). In den Schaufenstern und auf den gerade eröffneten Weihnachtsmärkten begegnet mir überall die Krippenszene: Maria, Josef und das Kind, Inbegriff der heiligen, der heilen Familie. Das, was die meisten Menschen erwarten, lässt sich denn wohl auch so wiedergegeben: ein paar ruhige, friedliche Stunden im Kreis der Familie oder mit Freunden. Alles liegt unter einer Decke von Nostalgie, von heraufbeschworenen Kindheitserinnerungen. Wir wissen, dass die Welt friedlos und ungerecht ist. Und sehnen uns doch zurück in eine Art kindliches Paradies.

Liebe Gemeinde, ich will das beileibe nicht schlecht machen. Ich tauche ja selber ganz gern von Zeit zu Zeit in diese Stimmung ein. Aber wenn sich Advent darin erschöpft; wenn wir uns mit diesen Erinnerungen an eine vergangene Zeit zufrieden geben, dann verpassen wir womöglich die Zukunft. Dann erkennen wir nicht die Zeichen, wo und wie Gott die Welt und die Menschenherzen verändern will – und wo er uns dabei gebrauchen will.

Der heutige Predigttext will uns die Augen für die eigentliche Zuspitzung des Advent, der Ankunft Gottes in der Welt, öffnen. Da geht es um Recht und Gerechtigkeit. Darum, dass die Machthaber das Volk gerecht regieren, damit die Menschen sicher im Lande wohnen können. Nach vorn gerichtete Hioffnung bestimmt das Bild – und nicht verklärte Erinnerung.

Heute ist uns ein alttestamentlicher Text aufgegeben. Mit dem 1. Advent beginnt ja das neue Kirchenjahr mit neuen Predigttexten. Die Evangelien- und Episteltexte sind „durch“. Jetzt beginnt die dritte Predigtreihe: Jer. 23, 5-8.

Ein paar erläuternde Sätze zum Umfeld dieses Textes. Jeremia ist um 650 v. Chr. geboren. Damals existierte das Großreich König Davids schon lange nicht mehr. Den Nordteil des Landes hatten die Assyrer schon 721 besiegt und viele Menschen verschleppt. Sie galten als verschollen. Jetzt ist auch der südliche Reststaat Juda unter Druck und droht zwischen Assyrien und der neu entstenden Großmacht Babylon zerrieben zu werden. König Zedekia versucht sich durchzulavieren, was ihm aber nicht gelingt. 587 erobern die Babylomier das Land, zerstören Jerusalem und den Tempel und deportieren die Oberschicht. Die Babylonische Gefangenschaft beginnt und sollte 50 Jahre dauern.

Unser Text ist vermutlich in der Endphase des Staates Juda entstanden. Jeremia prangert die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit im Lande an. Einige wenige bereichern sich, die Armen werden immer ärmer. Dem König Zedekia wirft Jeremia vor, sich nicht um die Belange der Menschen zu kümmern, sondern nur die eigene Haut retten zu wollen. Nein, Zedekia (d.h. Gerechtigkeit Gottes) macht seinem Namen keine Ehre.

In dieser Situation müssen wir den Prophetenspruch hören. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird… Und dies wird sein Name sein: ‚Der Herr unsere Gerechtigkeit’.“

Historisch gesehen eine naive Träumerei. Wir finden sie bis heute bei einigen hart gesottenen Zionisten. Aber ich glaube gar nicht, dass der Prophet solch ein Träumer war. Auch wenn er vermutlich noch stark in nationalen Grenzen gedacht hat, wird es ihm nicht einfach um die Wiederherstellung des untergegangenen davidischen Großreichs gegangen sein. Er schaut nach vorn. Er erwartet einen ganz anderen König als alle, die bislang an der Macht waren. Einen, der in Gottes Namen für Recht und Gerechtigkeit eintritt. Einen, dem die Menschen am Herzen liegen, der sie aus der Zerstreuung sammelt und ihnen ein sicheres Zuhause gibt.

Als aufregend empfinde ich, wie sich Jeremia von dem jüdischen Nationalbekenntnis distanziert. Wann immer sich Juden auf ihren Gott beriefen, gehörte dieser Zusatz dazu: „…der uns aus Ägyptenland geführt hat.“ Das war zu einer stehenden Formel geworden, ohne Bezug zum heutigen Leben. Das Volk war seit Generationen im Lande sesshaft und konnte mit dem Gott der Väter, dem „Wüstengott“, der mit seinem Volk unterwegs war, der ihnen viele Entbehrungen zumutete und immer wieder zum Aufbruch trieb, nicht mehr viel anfangen. Er war für sie irgendwie blass und blutleer geworden. Entsprechend müde war ihr Glaube, ohne kraftvolle Erwartung.

Dieses Feuer will Jeremia wieder anfachen. Hört auf, nur alten Formeln nachzubeten, lese ich zwischen den Zeilen. Haltet euch nicht mit nostalgischen, längst verblassten Erinnerungen auf. Schaut nach vorn. Von dort kommt uns Gottes neuer König (der Messias, Gott selber) entgegen. „Ein König aller Königreich“ haben wir eingangs gesungen. Und: „Er ist gerecht, ein Helfer wert“. Und wenn er kommt, dann wird sich euer Leben, dann wird die Welt verändern. Aus allen Himmelsrichtungen wird er sein Volk sammeln und wieder zusammenführen. Und sie sollen in Frieden und Gerechtigkeit zusammen wohnen.

Wir hören und lesen die prophetischen Weissageungen mit christlichen Ohren. Wir glauben, dass sich die Messiaserwartung in Jesus erfüllt und zugleich verwandelt hat. Wir warten nicht mehr auf einen irdischen König oder Präsidenten, der endlich „aufräumt“ und Gerechtigkeit schafft. Wir warten auch nicht auf die optimale Weltregierung. Von Jesus haben wir gelernt: Herrschaft beginnt mit Machtverzicht. Sie fängt mit dem Dienen an. Recht und Gerechtigkeit werden nicht mit Gewalt durchgesetzt. Sie wachsen von innen. Sie fangen damit an, das unser Herz verwandelt wird. „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzenstür dir offen ist!“

Der Kern der prophetischen Botschaft ist heute so aufregend wie damals. Advent, Gottes Kommen in die Welt, ist nicht bloß ein Ereignis in ferner Vergangenheit, ist nicht nur eine Formel in unserm Glaubensbekenntnis. Eben nicht nur: „Geboren von der Jungfrau Maria“, sondern auch: „Von dort wird er wiederkommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Wenn wir Gottes Kommen auf ein Gekommensein vor 2000 Jahren reduzieren, dann verkommt Advent schnell zum verkitschten Krippenbild. Die Worte des Propheten wollen uns aufstören aus unsern adventlichen Kindheitserinnerungen, damit wir nach Gott in der Zukunft Ausschau halten; damit wir für die Zukunft unseres Lebens und der Welt von ihm konkret etwas erwarten.

Heute wird die 52. Aktion „Brot für die Welt“ eröffnet unter dem provozierenden Motto: „Es ist genug für alle da.“ Wer nur auf die Statistiken der Welthungerhilfe schaut, kann nur resignieren. Der Hunger hat weltweit zugenommen, fast eine Milliarde Menschen sind betroffen, überwiegend in den Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas. Die Bankenkrise hat diese Länder besonders hart getroffen und viele Entwicklungsansätze zunichte gemacht. Die Worte des Propheten Jeremia lassen uns weiter schauen. Die Verheißung von Gottes Advent reißt den mit, Habgier, Gleichgültigkeit und Resignation vernagelten Horizont auf und mahnt gerechte Verhältnisse an. Hunger ist kein Verhängnis, es gibt weltweit genügend fruchtbaren Boden. Hunger wird von Menschenhand gemacht. Also können Menschen auch etwas dagegen tun. Brot für die Welt will Hilfe zur Selbsthilfe geben, damit die Würde der Notleidenden gewahrt wird.

„Es ist genug für alle da.“ Das ist nicht nur ein Hinweis auf die ungerechte Verteilung der Güter dieser Erde. Das ist auch ein Appell an uns als Konsumenten. Wenn wir auf faire Preise und fairen Handel achten und nicht nur alles möglichst billig haben wollen, können Handwerker und Kleinbauern in Bangladesh, in Kamerun oder Madagaskar menschenwürdig leben. Wenn wir unsern Fleischkonsum nur ein wenig reduzieren, werden in Entwicklungsländern landwirtschaftliche Flächen für den Getreideanbau frei, auf denen jetzt Soja für unsere Schweinemast angebaut wird.

„Es kommt die Zeit, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sei, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ Die christliche Adventshoffnung hat sich in Christus erfüllt und wartet zugleich auf Erfüllung. Sie geht nicht in dieser Welt auf, sondern hat den neuen Himmel und die neue Erde im Blick, von denen am vorigen Sonntag die Rede war. In dieser Spannung leben wir als Christen.

Ich wünsche uns allen, dass die Adventszeit uns nicht in Erinnerungen an schöne Kindheitstage festhält, sondern uns Flügel verleiht, damit wir festgefahrene ungerechte Strukturen in unserm Leben, in der Gesellschaft oder im weltweiten Miteinander überwinden und der Gerechtigkeit Gottes den Boden bereiten. Weil der kommende Gott den Namen trägt: „Der Herr unsere Gerechtigkeit“, können wir ihm mit kleinen Schritten entgegen gehen.