Das Diakonissen-Mutterhaus in Rotenburg besteht 150 Jahre

Nachricht 21. November 2010

 

Rösler fordert von Krankenhäusern bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf
 
Rotenburg/Wümme (epd). Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat die Krankenhäuser als Arbeitgeber aufgefordert, mehr zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun. "Sonst wandern die jungen Ärzte ab", warnte Rösler am Freitag bei einem Festakt zum 150. Gründungstages des evangelischen Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg bei Bremen. Klinik-Abläufe müssten mehr an Teilzeitmodelle angepasst werden. Das Gleiche gelte für den Dienst der Pflegekräfte. Der bestehende Arbeitskräftemangel in diesem Bereich werde sich durch den Wegfall des Zivildienstes noch verstärken.
 
Pflegekräfte klagten über den hohen Anteil der Bürokratie in ihrer Arbeit, sagte der Bundesminister. Notwendig sei eine Balance zwischen notwendiger Qualitätskontrolle und Vertrauen gegenüber den Beschäftigten. "Diese Balance haben wir noch nicht gefunden", räumte Rösler ein. Er dankte den Diakonissen für ihr Engagement auf Basis der christlichen Nächstenliebe. Die Solidarität als Grundlage des Gesundheitswesens sei nicht gescheitert und lebe fort.
 
Am 19. November 1860 wurde das Mutterhaus in Hamburg gegründet. 1905 zogen die Diakonissen allerdings in das niedersächsische Rotenburg um. Vorangegangen war ein Streit zwischen den Schwestern und dem Vorstand des Krankenhauses, in dem sie arbeiteten. Während die Leitung die Frauen aufforderte, vermehrt Wohlhabende zu behandeln, um mehr Geld einzunehmen, wollten die Diakonissen ihren Wurzeln treu bleiben und weiter Arme behandeln. Unter ihrer Oberin Helene Hartmeyer (1854-1920) zogen 62 Schwestern die Konsequenz aus den Zerwürfnissen und siedelten im April 1905 nach Rotenburg über.
 
Die Diakonissen hätten einen beispiellosen Dienst am Menschen geleistet, sagte in einem Festgottesdienst der Direktor des Diakonischen Werkes der hannoverschen Landeskirche, Christoph Künkel. Sie hätten ihre Arbeit stets als Liebesdienst verstanden, der zu Herzen gehe und zupackend von Herzen komme. "Liebe lässt sich aber nicht rechnen", betonte Künkel. Durch die gegenwärtige Gesundheitspolitik wehe ein kalter und scharfer Wind, kritisierte er: "Wir hören zu wenig auf die Diakonissen."
 
Der Umzug der Schwestern hat das Gesicht Rotenburgs nachhaltig verändert. Bald bauten sie ein neues Mutterhaus, ein Krankenhaus und eine Krankenpflegeschule auf. Sie arbeiteten in Kliniken, Kindergärten und umliegenden Kirchengemeinden. Ihre Initiative wurde zur Keimzelle des größten konfessionellen Krankenhauses in Norddeutschland mit heute knapp 800 Betten und mehr als 2.100 Beschäftigten.
 
Im Rotenburger Mutterhaus leben derzeit nach Angaben der amtierenden Oberin Rosemarie Meding 29 Diakonissen im Alter zwischen 60 und 100 Jahren. Sie stehen zwar alle im Ruhestand, engagieren sich aber vielfach noch ehrenamtlich. Die Rotenburger Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft zählt zum bundesweiten Kaiserswerther Verband, dem etwa 70 evangelische Mutterhäuser in Deutschland angehören.

 

 

Tag und Nacht dienstbereit

Von Dieter Sell (epd)

Rotenburg/Wümme (epd). Ein geregelter Acht-Stunden-Tag mit Tariflohn? Nein, das gab's nicht, als Schwester Charlotte Petzold vor mehr als 50 Jahren ihren Dienst als Gemeindeschwester des Diakonissen-Mutterhauses Rotenburg bei Bremen antrat. "Ich war Tag und Nacht in Bereitschaft", erinnert sich die heute 100-jährige Diakonisse, ältestes Mitglied der Schwesternschaft, die am Freitag zusammen mit ihrem Konvent im Beisein von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ein großes Jubiläum gefeiert hat. Denn genau vor 150 Jahren, am 19. November 1860, wurde das Mutterhaus als Hilfseinrichtung für arme Menschen gegründet.

"Ich wollte immer schon anderen Menschen helfen", beschreibt Schwester Charlotte ihren Beweggrund, das Leben einer Diakonisse ohne Ehe und eigenen Besitz aufzunehmen. Viele Jahre war sie mit dem Fahrrad unterwegs, versorgte täglich in mehreren Ortschaften kranke Patienten. Sie half Kindern auf die Welt, saß unzählige Nächte bei Sterbenden am Bett, wusch Verstorbene und gab ihnen den Segen mit auf den letzten Weg. "Dienen will ich. Mein Lohn ist, dass ich darf", lautete vielerorts das selbstlose Motto der Diakonissen. Das aber darf besonders in Rotenburg nicht mit fehlendem Selbstvertrauen verwechselt werden.

Mutig gründete Elise Averdieck (1808-1907) die Gemeinschaft in Hamburg und benannte das Mutterhaus nach der biblischen Heilungsgeschichte "Bethesda" (hebräisch: "Haus der Barmherzigkeit"). Revolutionär für ihre Zeit öffneten zupackende Persönlichkeiten wie Averdieck den Frauen im 19. Jahrhundert den Arbeitsmarkt außerhalb von Ehe und Familie. Noch revolutionärer: Ein unter deutschen Diakonissen einmaliger Fall von Ungehorsam war es dann, der dazu führte, dass die Bethesda-Schwestern überhaupt nach Rotenburg kamen.

Vorangegangen war ein Streit zwischen den Schwestern und dem Vorstand des Krankenhauses, in dem sie arbeiteten. Es war ein Konflikt, der auch im heutigen Gesundheitssystem allgegenwärtig ist. Denn während die Leitung vor allem die Ökonomie im Blick hatte und die Frauen aufforderte, vermehrt Wohlhabende zu behandeln, wollten die Diakonissen ihren Wurzeln treu bleiben. Sie fühlten sich den Armen verpflichtet, denjenigen, die kein Geld für eine gute medizinisch-pflegerische Versorgung hatten. Es kam zum Eklat. Unter ihrer Oberin Helene Hartmeyer (1854-1920) siedelten 62 Frauen im April 1905 nach Rotenburg über. Viele von ihnen arbeiteten zunächst im örtlichen "Asyl für Epileptische und Blöde".

Während des Festaktes dankte Bundesminister Rösler den Diakonissen für ihr Engagement aus christlicher Nächstenliebe. Die Solidarität als Grundlage des Gesundheitswesens sei nicht gescheitert und lebe fort.

Das Jahr 1905 sollte das Gesicht von Rotenburg nachhaltig verändern, denn bald gründeten die Schwestern ein Krankenhaus, das zur Keimzelle einer der großen diakonischen Einrichtungen im Norden wurde. Damit eröffneten sich weitere Einsatzfelder in den Kliniken, bald auch in Kindergärten und umliegenden Gemeinden. "Oberin und Pastor des Mutterhauses entschieden, welchen Weg die Frauen einschlugen", erinnert sich Schwester Margarethe Ruschmeyer (78), die sich gleichwohl durch diese Form der Personalpolitik nicht gegängelt fühlte.

"Darin liegt eine Chance, wenn andere die Stärken erkennen und fördern", sagt sie und beschreibt ihre Gedanken als Berufsanfängerin: "Wenn die mir das zutrauen, dann werde ich das auch schaffen." 25 Jahre unterrichtete Schwester Margarethe Krankenpflege. Und obwohl sie genauso wie Schwester Charlotte längst im "Feierabend" ist, engagiert sie sich bis heute ehrenamtlich, führt Gruppen durch das Museum des Mutterhauses, erledigt Fahrdienste und kümmert sich um die hauseigene Kapelle.

Derzeit leben nach den Worten der amtierenden Oberin Rosemarie Meding 29 Diakonissen im Alter zwischen 60 und 100 Jahren im Mutterhaus. Die Rotenburger Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft zählt überdies zum bundesweiten Kaiserswerther Verband, dem noch etwa 70 Mutterhäuser in Deutschland angehören. "Die Hingabe der eigenen Existenz auf Lebenszeit - dazu ist heute niemand mehr bereit", sieht Ruschmeyer ein Ende der Häuser alten Stils. Doch die Grundidee sei zeitlos: "Nächstenliebe weitergeben, das wird nie sterben."

Internet: www.diako-online.de/mutterhaus

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20.11.2010