EKD-Auslandsbischof fordert Religionsfreiheit in Türkei

Nachricht 19. November 2010

Hannover (epd). Die Türkei braucht nach Ansicht des Auslandsbischofs der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, eine realistische Perspektive für einen Beitritt zur Europäischen Union. "Aber nicht zu ermäßigten Bedingungen", betonte Schindehütte am Donnerstagabend bei der Aufzeichnung der evangelischen Fernseh-Talkshow "Tacheles" in der Marktkirche in Hannover. An das Land müssten die gleichen Maßstäbe angelegt werden wie für alle anderen Beitrittskandidaten. Dazu gehöre, dass Religionsfreiheit für Minderheiten wie die Christen gelten müsse. Ein möglicher EU-Beitritt könne somit eine Chance für die Christen in der Türkei sein, sich stärker entfalten zu können.

"Die Religionsfreiheit ist unteilbar", sagte Schindehütte. Sie gelte für alle Religionen und werde aus unterschiedlichen Religionen heraus begründet: "Ich bin gespannt auf die Begründung aus dem Islam." In der globalisierten Welt könnten die verschiedenen Kulturen gar nicht anders, als sich positiv aufeinander zu beziehen anstatt sich abzuschotten, betonte der Auslandsbischof. "Sie müssen miteinander leben. Dazu gibt es keine Alternative." Zur vollen Religionsfreiheit in der Türkei sei es aber noch ein langer Weg.

Der türkischstämmige Reiseunternehmer und SPD-Politiker Vural Öger wies darauf hin, dass viele Werte, die heute in den EU-Ländern selbstverständlich seien, auch dort gegen Widerstände erkämpft worden seien. "Jedes Land hat diese Phase durchgemacht. Wir müssen auch der Türkei die Chance geben, diese Phase durchzumachen", forderte er. Die Türkei sei das einzige islamische Land, in dem die Demokratie und die freie Marktwirtschaft funktionierten. "Das könnte ein Modell sein für die gesamte islamische Welt." Öger wies darauf hin, dass die Türkei 1949 zu den Gründungsmitgliedern des Europarates gehört habe. Die Frage, ob sie zu Europa gehöre, sei damit faktisch bereits seit mehr als 60 Jahren geklärt.

Die bayrische Europaministerin Emilia Müller (CSU) sieht in der Türkei bei den Freiheitsrechten einen "großen Nachholbedarf". Vor allem bei der Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit gebe es "echte Defizite". Europa brauche ein gemeinsames "Wir-Gefühl", das auch Grenzen kenne. Letztlich habe es die Türkei selbst in der Hand, die Freiheitsrechte zu verbessern und so die Beitrittskriterien zu erfüllen, sagte Müller.

Wenn aber 62 Prozent der Türken und 70 Prozent der Deutschen einen EU-Beitritt ablehnten, sei sie eher skeptisch: "Wir werden doch nicht über die Köpfe der Menschen hinweg so etwas in die Wege leiten." Sie selbst plädiere für eine privilegierte Partnerschaft mit der wirtschaftlich bedeutsamen Türkei. Die einstündige Debatte wird an diesem Sonntag um 13 Uhr und 22.30 Uhr auf Phoenix ausgestrahlt.

Internet: www.tacheles.tv

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18.11.2010