Die Anschlagsserie auf Christen im Irak erschüttert in Deutschland lebende Angehörige

Nachricht 14. November 2010

Von Petra Neu (epd)

Rosdorf/Kr. Göttingen (epd). Aus der Kirche in Rosdorf bei Göttingen klingen arabische Lieder. Im Gang zwischen den hölzernen Bänken der evangelischen St. Johannis-Kirche stehen Matti Zuhair, seine Familie und weitere Iraker, die religiöse Texte singen. In dem kurzfristig anberaumten Gottesdienst beten sie für die Toten und Verletzten der Anschlagsserie auf Christen im Irak. "Wir können aus Angst um unsere Verwandten kaum noch schlafen", sagt Zuhair. Seine Frau müsse ständig weinen.

Durch Anschläge von islamischen Terroristen waren in den vergangenen Tagen mehr als 50 Christen ums Leben gekommen. "Im Irak haben sie keine Zukunft. Sie werden verfolgt und unterdrückt", beklagt Hacub Sahinian. Als Diakon betreut der 59-Jährige viele der insgesamt 2.500 irakischen Flüchtlinge, die wie Matti Zuhair über das Grenzdurchgangslager Friedland nach Deutschland gekommen sind: "Ich erhalte unzählige Anrufe von besorgten irakischen Flüchtlingen." Sie sehen ihre Brüder und Schwestern, ihre Eltern und Schwiegereltern in Lebensgefahr. Für sie alle habe er den Gottesdienst in der Rosdorfer Kirche organisiert, sagt der armenisch-orthodoxe Diakon. "Wir können nicht so tun, als ob uns die Anschläge nichts angehen", betont auch Rosdorfs Pastor Martin Steinberg.

"Wir hoffen, dass sich nach Frankreich bald weitere europäische Länder für die Aufnahme verletzter und verfolgter irakischer Christen entscheiden", sagte die 20-jährige Gottesdienstteilnehmerin Diana Askar aus Einbeck. Die junge Irakerin lebt seit 16 Jahren in Deutschland. Die Verfolgung der Christen zwischen Euphrat und Tigris vergleicht Askar mit der Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg. Die Menschen hätten Angst, vor die Tür zu gehen. Maskierte Männer fragten sie, welchem Glauben sie angehörten: "Sie werden gekidnappt, sie trauen sich nicht mehr, öffentlich ein Kreuz als Zeichen ihres Glaubens zu tragen."

Über die Lage ihrer Verwandten informieren sich die in Deutschland lebenden irakischen Christen vor allem über das Internet, berichtet Diana Askar. "Jeden Tag schauen wir auf eine christliche irakische Website und hoffen, dass nichts passiert ist." Für sie und die rund 20 Iraker, die für den Gedenkgottesdienst nach Rosdorf gekommen sind, ist es unbegreiflich, dass Terroristen Kirchen und Stadtviertel in Bagdad bombardierten, die von christliche Familien bewohnt werden. "Viele wollen das Land nicht verlassen, weil es ihr Heimatland ist. Aber die Lage wird immer gefährlicher", sagt die heute in Northeim lebende Volet Nanno nach dem Gottesdienst.

"Wir müssen damit rechnen, dass die Gewalt irakische Christen weiter aus dem Land treibt", äußerte sich auch der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, besorgt. Um das zu verhindern, müsse das Machtvakuum im Land beendet werden, sagte er vergangene Woche am Rande der EKD-Synode in Hannover. Die Regierung sei derzeit nicht in der Lage, die Gewalt einzudämmen. Nach Angaben der Gesellschaft für bedrohte Völker sind in den vergangenen sieben Jahren rund 400.000 Christen aus der fünf Millionen Metropole Bagdad geflohen.

Der irakische Flüchtling Matti Zuhair denkt an das bevorstehende Weihnachtsfest und seine im Irak zurückgebliebenen Verwandten. "Die christlichen Kirchen dort können über Weihnachten geschlossen werden", spottet er mit sorgenvoller Miene. Niemand würde sich angesichts der momentanen Lage zum Beten in eine Kirche trauen.

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14.11.2010