Psychiaterin: Kinder und Jugendliche müssen im Umgang mit virtuellen Welten früh sensibilisiert werden

Nachricht 10. November 2010

Göttingen (epd). Das Internet und Computerspiele gehören für die meisten Kinder und Jugendlichen zum Alltag. Um eine Suchtgefahr zu vermeiden, müssen sie nach Ansicht der Göttinger Kinder- und Jugendpsychiaterin Sigrun Bünger rechtzeitig im Umgang mit virtuellen Computerwelten sensibilisiert werden. "Wenn Kinder schon mit elf Jahren den Anschluss an reale Beziehungen verpassen, wird es ihnen schwer fallen, in der Schule oder im Beruf Fuß zu fassen", sagte Bünger am Mittwoch im epd-Gespräch. Wichtige soziale Kompetenzen würden bei einer krankhaften Computernutzung nicht erlernt.

Nicht jeder, der gern Computerspiele spielt oder das Internet nutzt, entwickele auch gleich eine Sucht, sagte Bünger, die die Institutsambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Asklepios Fachklinikums Tiefenbrunn bei Göttingen leitet. "Eltern sollten aber aufmerksam werden, wenn ihre Kinder deshalb andere Hobbys und Freunde vernachlässigen, wenn es zu Schlafdefiziten kommt oder die Leistungen in der Schule stark nachlassen." Täglich drei Stunden am Computer erscheinen Bünger bei dem Pensum, das Kinder und Jugendliche mit der Schule und anderen Verpflichtungen zu bewältigen haben, schon relativ viel. "Für ein süchtiges Verhalten spielen aber noch andere Kriterien eine Rolle."

Die Internet- und Computerspielsucht ist laut Bünger noch nicht als eigenständige Sucht anerkannt. Häufig sei sie auch Ausdruck einer anderen Grunderkrankung. "Wir behandeln zum Beispiel depressive Jungen, die sehr gereizt sind. Bei Mädchen äußert sich das etwa in Essstörungen und Selbstverletzungen." Oft flüchteten sich sozial unsichere Kinder, die in der Schule gemobbt werden, und denen ein vertrauensvolles familiäres Umfeld fehle, in virtuelle Welten. "Dort können Jugendliche selber bestimmen, wie und wer sie sein wollen und in was für einer Umgebung sie sich aufhalten wollen."

Rund 65 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren nutzten das Internet in ihrer täglichen Freizeit, zitiert Bünger eine aktuelle Studie. Darin stecke auch ein großes Potenzial: "Es geht nicht darum das Internet zu verbieten. Kinder und Jugendliche müssen aber ein vernünftiges Nutzungsverhalten erlernen, um sich Informationen beschaffen zu können oder den Kontakt mit Freunden auf sinnvolle Art und Weise zu erweitern."

Um Eltern und Kinder im Umgang mit dem Computer zu sensibilisieren, hat das Asklepios Fachklinikum Tiefenbrunn in Kooperation mit Göttinger Schulen ein Präventionsprojekt initiiert. Am Mittwoch startete unter dem Motto "Gefangen im Netz - Zockst Du nur oder lebst Du auch" ein erster Informationsabend im Göttinger Theodor-Heuss-Gymnasium. Es sollen ganze Unterrichtseinheiten folgen. "Eltern sollten vor allem Vorbild sein und sich dafür interessieren, was ihr Kind am Computer macht", sagte Bünger. So könnten sie herausfinden, ob es eigentlich nach Freunden, Entspannung, Ablenkung oder Anerkennung suche und reale Alternativen schaffen.

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10.11.2010