Evangelische Kirche besorgt über Anschläge gegen Christen im Irak

Nachricht 10. November 2010

Hannover (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist besorgt über die jüngsten Angriffe auf Christen im Irak. Offenkundig hätten sich die Anschläge in mehreren Stadtvierteln Bagdads gezielt gegen Wohnhäuser christlicher Familien gerichtet, sagte der EKD-Auslandsbischof Martin Schindehütte am Mittwoch dem epd am Rande der EKD-Synode in Hannover. Ein Zusammenhang mit dem Geiseldrama in einer katholischen Kirche in Bagdad Ende Oktober sei zu befürchten. Dabei waren mehr als 50 Menschen ums Leben gekommen.

Bei der Anschlagsserie vom Mittwoch starben Medienberichten zufolge mindestens drei Menschen. Offensichtlich sei der irakische Arm von Al Kaida für die Angriffe verantwortlich, sagte Schindehütte. Ob alle Opfer Christen seien, sei nicht sicher.

"Wir müssen damit rechnen, dass die Gewalt irakische Christen weiter aus dem Land treibt", sagte Schindehütte. Um das zu verhindern, müsse das Machtvakuum im Land beendet werden. Die irakische Regierung sei derzeit nicht in der Lage, die Gewalt einzudämmen.

Die Anschläge gegen Christen dürften aber nicht isoliert betrachtet werden, sagte der Auslandsbischof: "Auch im innerislamischen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten sterben Menschen."

Das aktuelle Stichwort: Christen im Irak

Hannover (epd). Die Christen im Irak sind eine Minderheit, die zunehmend in Bedrängnis gerät. Viele verlassen das Land zwischen Euphrat und Tigris. In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Christen im Irak Schätzungen zufolge von 1,2 Millionen Menschen auf etwa die Hälfte. Mit heute rund 600.000 Gläubigen stellen die Christen knapp zwei Prozent der irakischen Bevölkerung.

Schon während der Herrschaft von Diktator Saddam Hussein
(1979-2003) emigrierten viele Christen. Seit seinem Sturz wächst die Gewalt. Am Mittwoch trafen gezielte Anschläge erneut Christen in Bagdad. Im Rahmen eines Neuansiedlungsprogramms nahm Deutschland im vergangenen Jahr 2.500 Flüchtlinge aus dem Irak auf, davon etwa 40 Prozent Christen.

Das Christentum hat eine lange Geschichte im Irak: Die ersten Gemeinden waren im alten Mesopotamien schon im 2. Jahrhundert entstanden. Heute sind die katholischen Chaldäer die größte Glaubensgemeinschaft unter den Christen im Irak. Ihre Kirche ist mit Rom uniert. Hinzu kommen mehrere kleinere Kirchen, darunter Assyrer und Orthodoxe. Auch einige tausend Protestanten leben im Irak.

Unter Saddams Regime litten die Christen wie andere Religionsgruppen auch unter staatlicher Verfolgung. Der Irak war ein laizistischer Staat, nach dem ersten Golfkrieg gegen den Iran 1980/81 kam es jedoch unter staatlicher Kontrolle zu einer verstärkten Hinwendung zum Islam.

Nach der neuen Verfassung von 2005 ist der Islam Staatsreligion.
Rund 97 Prozent der 29 Millionen Iraker sind Muslime. Etwa zwei Drittel bekennen sich zur schiitischen Glaubensrichtung, ein Drittel gehört zu den Sunniten.

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10.11.2010