Mehr als 70 Seelsorger vermitteln beim Castor-Transport zwischen Demonstranten und Polizei

Nachricht 07. November 2010

Von Karen Miether (epd)

Gorleben (epd). Im Wald zwischen Govelin und Leitstade ist es unübersichtlich. Überall sind Gruppen von Demonstranten unterwegs, die auf die Schienen wollen. Polizisten drängen sie vom Weg oberhalb der Gleise zurück zwischen die Bäume, Pastoren vermitteln. In einigen Stunden muss der Transport mit elf Behältern voll hochradioaktivem Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben auf seinen letzten rund 50 Kilometern hier entlang. Immer wieder wurde der Zug aufgehalten. Weiter vorne soll wieder eine Blockade sein.

"Die Angaben schwanken zwischen 300 und 1.000 Teilnehmern", sagt Jens Rohlfing. Der evangelische Pastor aus Hitzacker kennt sich aus, weil die Region zu seiner Gemeinde gehört. Doch jetzt fällt es ihm schwer, den Überblick zu bewahren. Er und sein Kollege Johannes Link gehören zu den mehr als 70 Seelsorgern, die während der Proteste im Wendland bei Konflikten zwischen Polizei und Demonstranten vermitteln wollen. "Wenn Ruhe im Karton ist und wir mit Menschen sprechen können, haben wir die besten Chancen", sagt der 49-Jährige, der schon viele Jahre Erfahrung hat.

Jetzt ist die Stimmung von abwartender Spannung geprägt. Gleich zwei Anti-Atom-Initiativen machen die Schienen zwischen Lüneburg und Dannenberg zum Ziel ihrer Aktionen. Die einen haben Strohsäckchen dabei und versuchen, sich auf die Gleise zu setzen. Wegen des Aufrufs der anderen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Sie wollen massenweise Schotter unter den Schienen entfernen. "Mit dem Schottern haben wir noch keine Erfahrung", sagt Johannes Link. "Doch nicht nur das ist eine neue Dimension. Durch die politische Situation sind viel mehr Leute unterwegs."

Die Pastoren machen keinen Hehl daraus, dass sie persönlich die Castor-Transporte ebenso ablehnen, wie die längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke und ein mögliches atomares Endlager in Gorleben. Bei ihrem Mittlereinsatz wollen sie aber mit allen im Gespräch sein. "Hier treffen nicht Meinungen aufeinander, hier stehen Menschen", beschreibt der leitende Propst der Region, Stephan Wichert-von Holten, warum sich die Kirche in diesem Konflikt besonders engagiert.

Wo im Wald das Handy noch Empfang hat, kommen halbstündig Kurzmitteilungen der Atomkraftgegner. "Polizei setzt Tränengas, Pfefferspray und Wasserwerfer ein", heißt es etwa. An manchen Stellen steigt Reizgas wie Nebel zwischen den Bäumen auf. Von Signalmunition und Reizstoffen gegen Beamte spricht die Polizei. Rohlfing und Link treffen an den Gleisen auf sechs Frauen und Männer, die sich an Armen und Beinen verschränkt haben. Die Demonstranten versuchen, Einsatzkräften ihre Überzeugung zu erläutern. "Wir tun das auch für Ihre Kinder", sagen sie den Polizisten.

Anderswo geht ein Beamter die Pastoren an, als sie versuchen, einen ruhigeren Ton ins Geschehen zu bringen: "Behindern Sie uns nicht." Ein Kollege von der Bundespolizei fragt dagegen freundlich: "Ich hoffe, es gibt nichts zu bemängeln." Er berichtet von einem Wasserwerfereinsatz, dem allerdings Steinwürfe auf Polizisten vorangegangen seien. "Wir sind nicht immer die Bösen", sagt er und ergänzt: "Schicken Sie einen Gruß nach oben, dass wir alle heil nach Hause kommen." Dann spricht er die Pastoren auf den Bundespolizisten an, der sich am Sonnabend in Dannenberg in der Unterkunft erschossen hat.

Der Suizid habe mit dem Einsatz in keinerlei Verbindung gestanden, betont ein Polizeisprecher. Der Polizeiseelsorger bei der Bundespolizei, Dirk Setzepfand, weiß aber, dass besonders enge Kollegen emotional sehr betroffen sind. "Es herrscht tiefe Trauer." Fünf Polizeiseelsorger hätten sich um die Beamten gekümmert und stünden weiter für Gespräche bereit. Noch am Sonnabend sei der Verstorbene mit einer Aussegnung und einer Trauerfeier würdevoll verabschiedet worden.

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7.11.2010

Hintergrund: Die evangelische Kirche im Gorleben-Konflikt

Gorleben (epd). Der zwölfte Castor-Transport aus Frankreich ist auf seinem Weg in das niedersächsische Zwischenlager Gorleben. Im Landkreis Lüchow-Dannenberg protestieren dagegen seit Sonnabend mehrere Zehntausend Menschen, mehr als je zuvor in der Region. In dem seit mehr als drei Jahrzehnten schwelenden Konflikt um die Gorlebener Atomanlagen hat sich auch die evangelische Kirche von den Ortsgemeinden bis in höchste Gremien eingeschaltet.

Seelsorger vermitteln bei Konflikten:

Während der Proteste gegen den Transport mit hochradioaktivem Atommüll vermitteln Seelsorger seit Jahren bei Konflikten zwischen Demonstranten und der Polizei, um Gewalt zu verhindern. Dabei sind aktuell rund 70 Frauen und Männer im Einsatz, mehr als je zuvor. Die Seelsorger sind an weißen Signalwesten zu erkennen. Regelmäßig dokumentieren sie auch, was sie beobachten, und veröffentlichen dazu Berichte. Die Hundertschaften der Polizei werden von Polizeiseelsorgern aus den einzelnen Bundesländern bei ihrem Einsatz begleitet.

Stellungnahmen der Kirche:

Die evangelische Kirche hat sich bis in ihre höchsten Gremien zur deutschen Atompolitik geäußert. Alle Stellungnahmen fordern einen schnellen Ausstieg aus der Atomenergie. Die Atomtechnologie verlange eine Perfektion, die von Menschen nicht zu leisten sei, hieß es aus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Viele hochrangige Kirchenvertreter lehnen die Castor-Transporte in das oberirdische Zwischenlager Gorleben ab. Sie fürchten, dass mit jedem Transport auch der nahe gelegene Salzstock als Endlager wahrscheinlicher wird, noch bevor überhaupt feststeht, ob er dafür geeignet ist.

Die Kirche fordert, dass außer Gorleben mindestens ein weiterer Standort und ein anderes Wirtsgestein als Salz auf die Eignung als Endlager für hochradioaktiven Atommüll untersucht wird. Dabei lehnt die hannoversche Landeskirche Gorleben nicht generell ab, sollte sich der Standort im Vergleich als bester herausstellen. Die Kirche hat aber große Zweifel am bisherigen Verfahren. Sie fordert mehr Transparenz, überprüfbare Kriterien für ein Endlager und eine bessere Beteiligung der Öffentlichkeit.

Kirchengemeinden als Grundeigentümer:

Vier evangelische Gemeinden haben Grundstücke über dem Salzstock in Gorleben. Die hannoversche Landeskirche hat angekündigt, sich gegen eine mögliche Enteignung zu wehren. Anfang der 1990er Jahre war die Möglichkeit einer solchen Enteignung bereits ins Atomgesetz aufgenommen worden. Der Passus wurde später von der rot-grünen Bundesregierung zunächst gestrichen. Schwarz-gelb will eine Enteignung wieder möglich machen.

Die Kirchengemeinde Gartow, die zu den Grundeigentümern gehört, hat unabhängig davon Ende Oktober bereits Klage gegen die weitere Erkundung des Salzstocks eingereicht. Sie wird dabei von der Landeskirche unterstützt. Die Gemeinde hält unter anderem die Verlängerung des Rahmenbetriebsplanes von 1982 bis in das Jahr 2020 hinein für rechtswidrig, weil sich nach ihrer Auffassung die Verhältnisse und technischen Anforderungen grundsätzlich verändert haben.