Mitteilungen von der VELKD-Synode (5.11.2010)

Nachricht 05. November 2010

Pfarrerausbildung zu wenig auf Berufswirklichkeit ausgerichtet
Prof. Herbst: Ungesunde Pfarrerzentrierung in der Kirche

Hannover – Als „nicht hinreichend“ hat Prof. Dr. Michael Herbst (Greifswald) die theologische Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarren bezeichnet. Ohne einer Preisgabe akademischer Theologie das Wort reden zu wollen, halte er die Ausbildung „zu wenig auf die Berufswirklichkeit ausgerichtet“. Zwar habe sich schon einiges getan, doch würde nach wie vor nicht ausreichend berücksichtigt, dass Theologen auch Leitung wahrzunehmen hätten. „Wir gehen als Gelehrte aus dem Studium und treffen auf eine Berufswirklichkeit, in der von uns obendrein Führungsqualitäten verlangt werden, die wir weder theologisch reflektiert noch praktisch erworben haben“, so Herbst in seinem Vortrag zum Schwerpunktthema der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) „Pfarrerbild und Pfarrerbildung“. Die Ausbildung genüge auch nicht im Blick auf die Sprachfähigkeit für unterschiedliche kulturelle Kontexte und Milieus. Wenn dies alles nicht von der akademischen Theologie isoliert geschehen solle, dürfe die Antwort nicht lauten: Das komme im Vikariat und werde in Pastoralkollegs behandelt. Er sei davon überzeugt, dass dies bereits im Studium bearbeitet werden müsse. Prof. Herbst, der Praktische Theologie lehrt, stellte seinen Vortrag unter das Thema „,Was bin ich?‘ Pfarrerinnen und Pfarrer zwischen Zuspruch und Zumutung“.
 
Pfarrer wollten nicht „die Prügelknaben der Kirche sein“, sondern erwarteten mehr Anerkennung für ihren Dienst. Umfragen zu Folge bringe ihnen die Gesellschaft immer noch ein „relativ hohes Vertrauen“ entgegen. Kritisch setzte er sich mit aktuellen pastoraltheologischen Ansätzen auseinander. Sie retteten nicht aus der „ungesunden Pfarrerzentrierung unserer Kirche“, sie „verstärken tendenziell den Druck auf Pfarrer und damit die drohende Erschöpfung“.
 
Angesichts der massiven Veränderungen in der kirchlichen Landschaft werde sich auch das Pfarramt verändern, zeigte sich Herbst überzeugt: „Es muss und wird pluraler werden. Auch wenn niemand ernsthaft die parochiale Gemeinde mit einem Gemeindepfarrer als Grundmodell in Frage stellt, ist es notwendig, über eine größere Vielfalt von gemeindlichen Pfarrämtern nachzudenken. Damit meine ich zum Beispiel, dass in den bevölkerungsarmen und strukturschwachen Gebieten vor allem im Osten nur noch mit Mühe so etwas wie flächendeckende Versorgung stattfindet. Eine tatsächliche Präsenz, die persönliche Beziehungen ermöglicht, eine wirkliche Regelmäßigkeit des gottesdienstlichen Lebens ist kaum noch gegeben, und wo um sie gerungen wird, fordert es die Pfarrerinnen und Pfarrer bis weit über die Schmerzgrenze. Die Förderung von lebendigen Gemeindekernen, die selbst Verantwortung übernehmen, nach dem Maß ihrer Gaben und Möglichkeiten, ist nach meiner Überzeugung die einzige Zukunftschance für viele dieser Gemeinden. Das bedingt aber auch neue Formen des Pfarrdienstes.“ Mehr noch als dies werde etwas benötigt, was es in der anglikanischen Kirche seit einigen Jahren bereits gebe. Auch dort differenziere sich der pastorale Dienst weiter aus. Nicht nur, dass es voll bezahlte, teilbezahlte und in großer Zahl auch unbezahlte Pfarrerinnen und Pfarrer gebe. Vor allem gebe es seit einigen Jahren auch so genannte pioneer ministers, Missionspastoren, die auch speziell in den anglikanischen Colleges ausgebildet würden und einen eigenen Studiengang durchliefen. „Dies ist ein Baustein, der nach der Wiederentdeckung der Mission als Grundauftrag der Kirche noch fehlt: Pfarrerinnen und Pfarrer, die freigesetzt werden, um in bestimmten kulturellen Kontexten als evangelische Pfarrer zu wirken, das Evangelium in kulturelle Segmente zu tragen, in denen es nicht mehr oder noch nicht bekannt ist, um dort neue Gemeinden zu pflanzen und zu leiten.“ Er sei gespannt, ob Kirchen in Deutschland den Mut finden, mit einigen wenigen Stellen zu beginnen.
 
Zuvor hatte der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), seinen Bericht vor der Generalsynode zum Anlass genommen, Pfarrerinnen und Pfarrern „sehr herzlich für ihr Engagement danken, das sie in ihre Arbeit, sei es in Gemeinden, sei es in Spezialpfarrämtern, investieren“. Die Tätigkeit als Pfarrer sei eine „besonders schöne, weil sie immer mit Menschen zu tun hat und gerade in existentiellen Lebenssituationen gefragt ist“. Sie sei zugleich schwierig, weil sich sehr unterschiedliche und diffuse Erwartungen an sie richteten, der Erfolg nur schwer messbar sei und ein hohes Maß der Selbstdeutung erfordere. Friedrich bestätigte, dass sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer über Gebühr belastet fühlten und es schwierig sei, auch für Kirchenleitungen, zusammen mit den Pfarrern Strategien und Lösungen zu finden, die als hilfreich empfunden würden. Insbesondere die verstärkten Qualitätsanforderungen im Zuge des Reformprozesses würden von vielen als Kritik an der bisherigen Amtsführung und als zusätzliche Belastung angesehen. Sie sollten aber nicht demotivieren, sondern motivieren.
 
Er wisse, dass für eine gelungene pastorale Tätigkeit – neben akademischem Studium und Vikariatsausbildung – „auch persönliche, weiche Faktoren wie Glaubwürdigkeit, Freundlichkeit, Ausstrahlung wichtig sind, die nicht einfach in einem Ausbildungsgang gelernt werden können“. Angesichts der hohen und in sich sehr uneinheitlichen Erwartungen an einen Pfarrer/eine Pfarrerin sei es eine „wichtige Fähigkeit, sich auch der eigenen Grenzen bewusst zu sein und gerade mit ihnen verantwortlich und überzeugend umzugehen“. Das Amt erforder auf der einen Seite die Fähigkeit zu leiten, auf der anderen, mit anderen Menschen – seien sie haupt-, neben- oder ehrenamtlich tätig, gut und konstruktiv zusammenzuarbeiten. Zusammenarbeit bedeute nicht notwendigerweise zeitliche Entlastung, Leitung aber auch nicht, alles selbst machen zu müssen. Es gelte immer wieder, das rechte Maß zu finden, Prioritäten, und damit auch Posterioritäten, zu setzen, zu entscheiden, was in den eigenen Händen liegen müsse und was sich delegieren lasse. „Das ist bei der Fülle der Aufgaben und Anforderungen schwierig. Wesentlich ist, die pastoralen Kernaufgaben nicht aus dem Blick zu verlieren, Verkündigung, Seelsorge, Unterricht und Gemeindeaufbau – das meint besonders: die Förderung des Ehrenamtes – den ersten Platz einzuräumen. Wie viel Zeit, Energie und auch Freude an der Arbeit durch Verwaltungstätigkeiten genommen wird, können wir nur schätzen. Mir erscheint es allerdings höchste Zeit, dass wir uns in den kommenden Jahren tragfähige Alternativen überlegen, wie die Verwaltung so gestaltet werden kann, dass die geistlich-spirituelle Kompetenz von Pfarrerinnen und Pfarrern stärker in den Vordergrund steht und sie sich diesen Aufgaben in verstärktem Maß widmen können.“
 
Hannover, 5. November 2010
Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD
 
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Bildung ist mehr als Wissensvermittlung
Leitender Bischof der VELKD unterstreicht Bedeutung des Religionsunterrichts
 
Hannover – Das Bild der Bedeutung von Religion in der Gesellschaft hat sich nach Auffassung des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), „enorm verändert“. Dies habe in starkem Maße mit der sehr begrüßenswerten Integrationsdebatte zu tun, die den Blick verstärkt auf den Islam und seine rechtliche Stellung in Deutschland lenke. Hier sei noch ein weiter Weg zu gehen, sagte Friedrich in seinem Bericht vor der Generalsynode. Die Frage nach der Bedeutung des Islam für unsere Kultur und auch im Bezug auf den christlichen Glauben stehe im Raum. Ihr müsse man sich stellen. Auch das Verhältnis von Staat und Kirche sei Thema. Dabei falle auf, dass die besondere Rolle der Kirchen längst nicht mehr unhinterfragt sei. Das beginne bei den Kreuzen in öffentlichen Räumen und ende noch lange nicht bei der wissenschaftlichen Theologie an den staatlichen Universitäten oder dem Kirchensteuersystem. Er vertrete die Auffassung, „dass wir alle miteinander hier viel offensiver und deutlicher reagieren müssen.“ Er sei empört, dass in den Medien immer wieder der Eindruck erweckt werde, als gebe es Staatsleistungen nur an Kirchen und dass staatliche Leistungen für im Rahmen des Subsidiaritätssystems erbrachte Leistungen wie ungerechtfertigte Zahlungen an Religionsgemeinschaften dargestellt würden. Staatsleistungen gebe es beispielsweise auch für jeden Opernbesucher, für Besucher einer Fußball-Weltmeisterschaft oder einer Olympiade, für Sportvereine und für Parteienstiftungen. „Denn sie alle leisten für die Gesellschaft wichtige Arbeit – wie die Kirchen“, so Friedrich.
 
Ausführlich ging der Leitende Bischof in seinem Bericht auf das Thema „Bildung“ ein: „Bildung, auch Schulbildung, muss den ganzen Menschen im Blick haben und ist deswegen immer mehr als Wissensvermittlung.“ Bildung dürfe nicht in der Weise verzweckt werden, dass sie letztlich nur dazu diene, Menschen für Wirtschaft und Industrie passend zu machen. Zur Bildung gehörten auch Musik, Kunst, die Liebe zur Natur sowie der Religionsunterricht. „Mit Sorge“ sei zu beobachten, dass angesichts der Veränderungen im Zuge der Einführung der achtjährigen Gymnasialzeit in den alten Bundesländern gerade im künstlerischen und affektiven Bereich „sehr schnell gestrichen wurde und gerade die Plausibilität des Religionsunterrichts angesichts der sonstigen Stofffülle immer wieder in Frage steht“. Johannes Friedrich wörtlich: „Hier müssen wir wachsam sein und unverdrossen den Wert des Religionsunterrichts in der Öffentlichkeit vertreten.“ Der Staat sei gut beraten, wenn er dafür Sorge trage, dass Kinder ganzheitlich gebildet würden, also auch im religiösen Bereich durch die im Staat vertretenen Religionen – gerade im Sinne der positiven Religionsfreiheit. Die Alternative, dass der Staat selbst einen weltanschaulichen Unterricht verantworte, könne niemandem gefallen. Dann seien die Einflussmöglichkeiten des Staates auf Kinder „viel zu hoch“. Der Marxismus-Leninismus-Unterricht in der DDR sei dafür nur ein abschreckendes Beispiel.
 
Der Leitende Bischof würdigte in seinem Bericht die Bedeutung evangelischer Schulen, die sich „zunehmender Beliebtheit erfreuen“. Ein Grund liege sicherlich darin, dass bei kirchlichen Schulen der Gedanke im Vordergrund stehe, den ganzen Menschen mit seinen Gaben und Eigenheiten im Blick zu haben. Hinzu komme das bewusste Einüben von sozialem Verhalten, die Ermutigung zu sozialem Engagement und die Förderung musischer Interessen. Dahinter stehe ein klares Bekenntnis zu christlichen Werten und zu einem evangelischen Profil. Dass auch in Kindergärten, Kinderkrippen und Kindertagesstätten der Aspekt der Bildung stärker im Blick sei, wertete Friedrich positiv. Dabei dürfe es aber nicht um die Anhäufung von Kenntnissen und Lerninhalten schon im Kleinkindalter gehen. Vielmehr gehe es darum, so früh wie möglich eigene Begabungen zu erkennen und diese zu fördern. Eine zu frühe Konzentration auf Lerninhalte und abprüfbares Wissen würde dem einzelnen Kind und seinen Begabungen nicht gerecht.
 
Über den eigenen Glauben Auskunft geben zu können – vor dem Hintergrund dieser Herausforderung habe die VELKD zahlreiche Bildungsangebote entwickelt, etwa das Gemeindekolleg in Neudietendorf bei Erfurt, das Liturgiewissenschaftliche Institut in Leipzig und das Theologische Studienseminar in Pullach bei München. Als „Beitrag zur religiösen Bildung und zu einem Orientierungswissen, das aus dem christlichen Glauben schöpfen kann“, verstehe er den Evangelischen Erwachsenenkatechismus (EEK), der erst vor wenigen Tagen in 8., neu bearbeiteter und ergänzter Auflage im Gütersloher Verlagshaus erschienen sei.
 
Vor der Generalsynode hat sich der Leitende Bischof dafür ausgesprochen, dass es „in absehbarer Zeit“ zu einem 3. Ökumenischen Kirchentag kommt. „Mir erscheint dabei das Datum 2017 mehr als passend, weil wir davon ausgehen, dass sich die Reformation an die ganze Kirche gerichtet hat. Deshalb sollen die Vorbereitung und die Gestaltung der Jubiläums-Feierlichkeiten nicht im Alleingang, sondern soweit möglich, gemeinsam mit den anderen Kirchen, insbesondere mit der römisch-katholischen abgestimmt werden. Es ist mir ganz wichtig, dass nicht der Eindruck aufkommt, wir wollten dieses Jubiläum gegen die katholische Kirche feiern. Wir wollen es mit ihr zusammen feiern.“ Die Bereitschaft hierzu sei „nicht Ausdruck eines schwachen, sondern gerade eines starken reformatorischen Selbstbewusstseins. Wir sind so selbstbewusst, weil wir unser Selbstbewusstsein nicht der Gegnerschaft zu Rom verdanken, sondern dem Versuch, dem nachzufolgen, was unser Herr Jesus Christus von uns will.“
 
Hannover, 5. November 2010
Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD

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"Bewegende Zeugnisse, die zum Nachdenken anregen
VELKD zeichnete Preisträger des Brotgeschichten-Wettbewerbs aus

Hannover – Als „bewegende Zeugnisse, die die zum Nachdenken anregen“ hat Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk die Erzählungen der Preisträger des Erzählwettbewerbs „Unser tägliches Brot gib uns heute“ gewürdigt. Bei der Verleihung der Preise im Rahmen des Ökumenischen Abends der Generalsynode der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) am 4. November sagte Frau Barraud-Volk, die ausgezeichneten Geschichten eröffneten „neue Horizonte“ bei der Interpretation der Brot-Bitte des Vaterunsers. Aus dem Thema der letztjährigen Generalsynode, das auch als Motto über der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) in diesem Jahr in Stuttgart stand, war die Idee dieses Erzählwettbewerbs entwickelt worden.
 
Der 1. Preis – eine Reise für zwei Personen zum Besuch des Museums für Brotkultur in Ulm – ging an Pastor i. R. Dietrich Otto (Hamburg) für seine Erzählung „Und der Christus lächelt nicht“. Den 2. Preis – ein Warengutschein im Wert von 100 Euro für eine Brotzeit – erhielt Wolfgang Kopplin (Plettenberg). Seine Einsendung trug den Titel „Pausenbrot“. Den 3. Preis – je ein Exemplar des Bildbandes „Unser tägliches Brot – Rezepte, Gebete und Geschichten zum Recht auf Nahrung“ – teilten sich Gisela Bröckel (Bielefeld) für „Sie teilten das Brot“ und Wolfgang Osterhage (Wachtberg-Niederbachem bei Bonn) für „Der Preis des Brotes“.
 
Die Preise waren von Pfarrerin Barraud-Volk (Mitglied der Generalsynode) und dem Präsidenten der Generalsynode, Prof. Dr. Dr. h. c. Wilfried Hartmann, überreicht worden. Neben ihnen gehörten zur Jury der Leitende Bischof, Landesbischof Dr. Johannes Friedrich, die stellv. Geschäftsführerin des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB), Oberkirchenrätin Inken Wöhlbrand, sowie die Referentin für Theologische Grundsatzfragen der VELKD, Oberkirchenrätin Dr. Mareile Lasogga.
 
Zur Begründung des Erzählwettbewerbs hieß es: „Die Bitte um das tägliche Brot beten Menschen heute in ganz unterschiedlichen Situationen: in der des Überflusses und des Mangels. Für viele Menschen in allen Regionen der Welt – selbst in Deutschland – geht es ausschließlich um die Sicherung ihrer Nahrung und damit des täglichen Überlebens. Brot ist im Vaterunser aber auch als Synonym zu verstehen für unsere Bedürfnisse, die über das Essen und Trinken hinausgehen: Leben in Gemeinschaft untereinander und mit Gott, Solidarität und gegenseitiger Achtung.“ Vor diesem Hintergrund waren Gemeinden und Einzelpersonen eingeladen, ihre „Brotgeschichte“ zu erzählen – Erlebnisse und Erfahrungen des Mangels sowie geschenkter Fülle. Bis zum Einsendeschluss am 15. August 2010 waren mehr als siebzig Texte eingereicht worden. Sie sind im Internet nachlesbar unter www.velkd.de/brotgeschichten.php.
 
Hinweis: Die Texte der Preisträger sind unter diesen Links abrufbar:
 
 
Hannover, 5. November 2010
Udo Hahn
Pressesprecher der VELKD