Erste Ordination einer Rabbinerin in Deutschland nach dem Holocaust

Nachricht 04. November 2010

Berlin/Oldenburg (epd). In Deutschland ist erstmals seit 75 Jahren wieder eine Frau zur Rabbinerin ordiniert worden. An dem Festgottesdienst am Donnerstag in Berlin zur Einsetzung von Alina Treiger und zwei weiteren Absolventen des Abraham-Geiger-Kollegs nahm auch Bundespräsident Christian Wulff teil. Treiger wird künftig für die Gemeinden in Oldenburg und Delmenhorst arbeiten.

Bei der Feier mit der Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, rund 30 jüdischen Geistlichen aus aller Welt sowie 600 weiteren Gäste wurde zugleich an den ersten liberalen jüdischen Gottesdienst in Deutschland vor 200 Jahren erinnert.

Wulff gratulierte der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland zu dem Ereignis. Es zeige, dass "das jüdische Leben aller Richtungen - von orthodox bis liberal - auf eine noch intensivere Weise in unserem Land wieder Wurzeln geschlagen hat". Es müsse allen daran gelegen sein, dass das Judentum als "eine große Bereicherung" angesehen wird.

Der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland, Henry Brandt, kritisierte es als "zusehends unverständlich und unverantwortlich", dass "nach der unsäglichen Katastrophe der Shoah" jahrzehntelang keine Rabbiner in der Bundesrepublik ausgebildet wurden. Innerhalb des Judentums gibt es nur wenig Rabbinerinnen. Bis heute ist die Frauenordination ein Streitpunkt zwischen liberal und orthodox geprägten Gemeinden.

Die 31-jährige Alina Treiger stammt aus der Ukraine, die anderen beiden Rabbiner, der 31-jährige Konstantin Pal und der 35-jährige Boris Ronis, gehören der zweiten Generation russischsprachiger jüdischer Zuwanderer in Deutschland an. Pal betreut die Jüdische Landesgemeinde Thüringen in Erfurt, Ronis geht zur Gemeinde in Berlin.

Als weltweit erste Frau wurde am 27. Dezember 1935 Regina Jonas (1902-1944) nach einem Studium an der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin zur Rabbinerin ordiniert. Sie wurde dennoch von der jüdischen Gemeinde nur als Religionslehrerin akzeptiert und durfte keine Predigten in Synagogen halten. 1942 wurde Jonas nach Theresienstadt deportiert und am Dezember 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet.

Das Abraham-Geiger-Kolleg wurde 1999 als erste akademische Ausbildungsstätte für Rabbiner in Mitteleuropa seit der Schließung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums 1942 gegründet und arbeitet mit der Universität Potsdam zusammen. Die ersten Absolventen wurden 2006 ordiniert.

Internet: www.abraham-geiger-kolleg.de (5907/04.11.2010)

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4.11.2010