Heinemann: Überzählige Kirchen kulturell nutzen

Nachricht 23. September 2010

(epd-Gespräch)

Hannover (epd). Die Protestanten in Hannover werden nach Einschätzung des neuen Stadtsuperintendenten Hans-Martin Heinemann (57) in den nächsten Jahren zunehmend neue Nutzungsmöglichkeiten für überzählige Kirchen suchen müssen. "Klassische Gemeindekirchen werden wir immer weniger brauchen", sagte er am Donnerstag im epd-Gespräch. "Wir haben Gebäude, die für wesentlich mehr Menschen gebaut wurden."

Heinemann steht seit rund hundert Tagen an der Spitze des evangelisch-lutherischen Stadtkirchenverbandes mit etwa 206.000 Mitgliedern in 63 Gemeinden. Er plädierte dafür, überzählige Kirchen in erster Linie für kulturelle Zwecke zu nutzen. Ihr religiöser Charakter müsse erhalten bleiben: "Wir müssen intensiv danach suchen, wie wir Kirchen als Orte Gottes weiterhin beleben können." Bis 2030 werde die evangelische Kirche den Prognosen zufolge ein Drittel ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer Finanzkraft verlieren.

Als gelungene Beispiele nannte der Theologe das "Haus der Religionen" in der ehemaligen Athanasiuskirche und die Etz-Chaim-Synagoge in der früheren Gustav-Adolf-Kirche. Die Umwidmung einer Kirche in eine Moschee kann er sich allerdings derzeit nicht vorstellen: "Das würde zu viele Gefühle verletzen." Die Unterschiede zwischen Christentum und Islam müssten anerkannt werden. Er respektiere jedoch den Wunsch der Muslime, eigene Versammlungsräume einzurichten, betonte er.

Auch Restaurants oder gar Diskotheken oder Autohäuser in Kirchen wie etwa in den Niederlanden lehnte Heinemann ab: "Wir haben Kirchen gebaut, um darin Gottesdienst zu feiern und nicht als pittoresken Raum, in dem man Geld verdienen kann."

Mittelfristig gehe er davon aus, dass sich immer mehr Gemeinden zusammenschließen, sagte der Stadtsuperintendent weiter. Dies könne jedoch nicht von oben angeordnet werden. "Wir sind Protestanten, das muss bei uns anders laufen." Evangelische Gemeinden könnten nicht gegen ihren Willen fusioniert werden. "Ich gehe davon aus, dass sich Gemeinden zusammentun, weil sie darin Möglichkeiten und Chancen sehen."

Die Situation der 1950er und 1960er Jahre mit wohnortnahen Kirchen werde vorerst nicht wiederkehren, mahnte Heinemann: "Das ist auch ein Trauerprozess. Aber wir dürfen nicht mit einem rückwärtsgewandtem Blick leben."

In den ersten drei Monaten seiner Amtszeit in Hannover habe er eine "bewegte, engagierte und hochmotivierte Kirchenlandschaft" kennengelernt, bilanzierte der verheiratete Vater dreier Kinder: "Es gibt viele pfiffige Leute, denen die Kirche am Herzen liegt." Zuvor stand der aus Hessen stammende Theologe zehn Jahre lang an der Spitze des Dekanates Wiesbaden, wo er bereits seit 1979 tätig war, unter anderem als Stadtjugendpfarrer.

Internet: www.kirche-hannover.de

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