Jüdische Gemeinde in Hameln feiert Richtfest für neue liberale Synagoge

Nachricht 23. September 2010

Von Wolfhard F. Truchseß und Petra Neu

Hameln (epd). "Wer hätte gedacht, dass amerikanische Juden nach Deutschland kommen, um mit russischen Juden eine Synagoge aufzubauen?", freut sich Rachel Dohme. Sie ist die Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde Hameln. Nach jahrelanger Planung wurde am Donnerstag genau dort, wo die Nationalsozialisten vor 72 Jahren die Hamelner Synagoge zerstörten, das Richtfest für ein neues jüdisches Gotteshaus gefeiert. Aus einem Traum wird für Dohme damit Wirklichkeit.

"Seit dem ersten Spatenstich im Mai ist die Zeit wie im Flug vergangen", sagt sie. Jeden Tag sei etwas mehr von dem ersten Neubau einer liberalen Synagoge seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland sichtbar geworden. Rote Ziegelsteine wuchsen zu Mauern an, Wände wurden gezogen, und schließlich komplettierten Fenster den ellipsenförmigen Bau. "Alles lief nach Plan." Rund eine Million Euro kostet die neue Synagoge. Voraussichtlich im Februar können die rund 200 Gemeindemitglieder die Einweihung feiern.

Bei den Ausschachtungsarbeiten fanden sich in dem mit Bauschutt aufgefüllten Keller der alten Synagoge sogar noch Reste des zerstörten Gotteshauses: zerschmolzene Glasscherben und Bleieinfassungen der bunten Fenster, Reste von weißem Geschirr und von Asche verfärbte Dachziegel. "Die Teile sollen in eine Dauerausstellung über das jüdische Leben integriert werden", so Dohme. Die Schau sei für das kommende Jahr im Hamelner Museum geplant, das nach einer längeren Modernisierungsphase im Januar wiedereröffnet werden soll.

Auch in der Nachbarschaft wird der vom Hamelner Architekturbüro Nasarek betreute Neubau positiv gesehen. Ein Ehepaar überreichte der Gemeindevorsitzenden zum ersten Spatenstich einen Stein der zerstörten Synagoge. "Wir haben ihn aus den Trümmern geborgen und seitdem aufbewahrt", berichtet die Anwohnerin Annette Wache. "Sie brauchen doch Steine für den neuen Bau, den wollen wir Ihnen schenken." Auch die 35-jährige Muslimin Suna Basir aus einem Nebenhaus hat kein Problem mit der jüdischen Nachbarschaft, sondern freut sich, "dass der Bau nach so vielen Jahren Wirklichkeit wird".

1938 war die alte Synagoge in der Reichspogromnacht zerstört worden. Jahrelang sammelte die liberale jüdische Gemeinde, die 1997 von Dohme und einer kleinen Gruppe russischer Einwanderer gegründet worden war, Spenden für einen Neubau. "Was mich wirklich beeindruckt, ist die Unterstützung vieler nicht jüdischer Nachbarn", erzählt Dohme. Vor allem zahlreiche christliche Freunde machten die neue würdige Heimstatt in Hameln möglich.

An den Kosten beteiligen sich die Stadt Hameln und der Landkreis Hameln-Pyrmont zu einem Drittel. Ein weiteres Drittel kommt vom Land Niedersachsen. Den Rest bringt die "Stiftung Liberale Synagoge Hameln" aus Spenden und Darlehen auf. Mehrere Firmen beteiligen sich außerdem mit Sachspenden an der Innenausstattung.

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23.9.10