Diakonie-Direktor warnt vor totaler Kommerzialisierung der Sozialarbeit

Nachricht 20. September 2010

Wennigsen/Reg. Hannover (epd). Der hannoversche Diakonie-Direktor Christoph Künkel hat vor einer totalen Kommerzialisierung der sozialen Arbeit gewarnt. In diesem Fall würden kranke Menschen dazu benutzt, um mit ihnen Geld zu verdienen, sagte er am Sonnabend beim traditionellen "Rittertag" des Johanniterordens im Kloster Wennigsen bei Hannover: "Auf dem Sozialmarkt wird der bedürftige Mensch Mittel zum Gelderwerb, er wird missbraucht", kritisierte Künkel. Gegen solche Tendenzen müsse sich die Diakonie wehren.

Der berechtigte Einzug des wirtschaftlichen Denkens in die Sozialarbeit habe vielfach dazu geführt, dass nun verbreitet alle sozialen Handlungsvollzüge ökonomischen Zwängen unterworfen würden, sagte Künkel. Dies könne etwa dazu führen, dass Mitarbeitende von ihren niedrigen Löhnen keine Familie und bei Teilzeitarbeit noch nicht einmal sich selbst ernähren könnten. Sie seien dann auf ergänzende Hilfe vom Staat angewiesen. Zudem verbringe eine ambulante Pflegekraft inzwischen 30 Prozent ihrer Arbeitszeit mit der rechtlich vorgeschriebenen Dokumentation, die Pflegeangebote auf dem Markt vergleichbar machen solle.

Die Diakonie müsse den von ihr betreuten Menschen so weit wie möglich die Möglichkeit der Mitbestimmung einräumen, damit sie nicht ein Objekt zum Gelderwerb würden, forderte Künkel. Zudem müssten die evangelischen Landeskirchen prüfen, ob sie dem kirchlichen Hilfswerk in der harten Konkurrenz mit anderen Anbietern mehr Kirchensteuermittel zur Verfügung stellen sollten. Dabei gehe es um Summen im Millionenhöhe.

Zum alljährlichen "Rittertag" hatten sich rund 200 Angehörige der Johanniter im traditionellen Ordensmantel in der evangelischen Klosterkirche versammelt. Der Kommendator der Hannoverschen Genossenschaft des Ordens, Joachim von Einem, führte 14 Mitglieder neu ein und verlieh 20 Mitgliedern das Ehrenritterkreuz. Die Johanniter kommen traditionell alle zwei Jahre ins Kloster Wennigsen.

Das aktuelle Stichwort: Der Johanniter-Orden

Hannover (epd). Der Johanniter-Orden entstand 1099 in Jerusalem aus einer Hospital-Bruderschaft zur Betreuung kranker Pilger und wurde während der Kreuzzüge von der Kirche als geistlicher Ritterorden anerkannt. Der militärische Schutz der Pilger, die Pflege der "Herren Kranken" und das Eintreten für die Schwachen waren seine selbstgewählten Aufgaben.

Bis 1291 wirkte der Orden im "Heiligen Land", danach hatte er seinen Sitz auf Rhodos und bis zum Ende des 18. Jahrhunderts auf Malta. Von hier leitet sich auch der Name des abgezweigten katholischen Malteser-Ordens ab. Die offizielle Bezeichnung des evangelischen Ordenszweiges lautet "Balley Brandenburg des Ritterlichen Ordens St. Johannis vom Spital zu Jerusalem".

Der Johanniter-Orden hat heute etwa 3.400 ausschließlich männliche Mitglieder, die traditionell zu einem großen Teil aus Adelsfamilien stammen. Er umfasst den deutschen Sprachraum, angrenzende Länder sowie Übersee. Sein soziales Anliegen und das Zeugnis für den Glauben im "heiligen Alltag" in Beruf und Familie sind auch heute Schwerpunkte der Ordensgemeinschaft.

Die evangelisch gewordene "Balley Brandenburg" wurde 1852 vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. wiederbelebt. Ihr Herrenmeister ist seit 1999 Oskar Prinz von Preußen. In Deutschland unterhält der Orden Krankenhäuser, Altenheime sowie die Johanniter-Unfall-Hilfe, eine Schwesternschaft und die ehrenamtliche Johanniter-Hilfsgemeinschaft.

1864 entstand die heutige Genossenschaft Hannover des evangelischen Ordens, die sich heute auf die Bundesländer Niedersachsen und Bremen erstreckt. Ihr Kommendator, der Bremer Rechtsanwalt Joachim von Einem, leitet seit 2008 die mit 378 Ordensrittern größte Genossenschaft der Balley.

Internet: www.johanniter.de

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20.9.10