Initiatoren: Neues Babykörbchen hilft in höchster Not

Nachricht 18. September 2010

Rotenburg/Wümme (epd). Das Diakoniekrankenhaus in Rotenburg bei Bremen hat am Freitag Niedersachsens fünftes "Babykörbchen" in Betrieb genommen. "Es soll in höchster Not helfen, wenn alle Stricke reißen", sagte Koordinatorin Birgit Löhmann in einem Gespräch mit dem epd. Begleitet werde es durch ein breit angelegtes Netzwerk an Beratungsstellen. Babyklappen oder Babykörbchen sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in die Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und damit zur Adoption freigeben können.

"Wir hoffen ganz und gar, dass es niemals benutzt wird", sagte Löhmann. Doch es werde immer wieder Frauen geben, die durch das Beratungsnetz fielen und sich dann in großer Not nicht zu helfen wüssten. Der Deutsche Ethikrat hatte sich im November vergangenen Jahres mit deutlicher Mehrheit für die Abschaffung von Babyklappen ausgesprochen. Seiner Auffassung nach wird durch die Körbchen das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung verletzt.

"Wir bewerben nicht das Körbchen, wir bewerben das Beratungsnetz", betonte Löhmann, die auch Vorstandsreferentin des Diakoniekrankenhauses ist. Hilfe gibt es nach ihren Worten unter anderem in der Rotenburger evangelischen Ehe- und Lebensberatung, im Gesundheits- sowie im Jugendamt des Landkreises, beim Diakonischen Werk, bei Pro Familia und bei der Telefonseelsorge. Die ist rund um die Uhr unter dem Anschluss 0800/111-0-111 anonym zu erreichen.

Das Körbchen wurde Löhmann zufolge direkt an der Kinderklinik eingerichtet und ist mit einem Sichtschutz versehen. Falls ein Kind hineingelegt wird, gibt es einen Alarm, der auf das Baby aufmerksam macht. Dann können sich Hebammen oder Krankenschwestern um den Säugling kümmern. Löhmann: "Die Frau hat Zeit, das Kind in das Körbchen zu legen und dann anonym zu gehen."

Ähnliche Einrichtungen gibt es bereits in Hannover, Braunschweig, Nordhorn und Osnabrück. Bundesweit wurden nach Angaben des Niedersächsischen Sozialministeriums bis 2007 in rund 85 Babykörbchen insgesamt 141 Kinder abgegeben.

Schirmherrin des Rotenburger Körbchens ist Niedersachsens ehemalige Sozialministerin Mechthild Ross-Luttmann (CDU). "Jedes einzelne kleine Menschenleben rechtfertigt dieses Angebot als Ultima Ratio", sagte sie Anfang des Jahres, als die Pläne für die Einrichtung der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Das Recht auf Leben sei unendlich wichtiger als das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft. In Rotenburg ist die Idee zum Babykörbchen von Bürgern in der Stadt ausgegangen.

Internet: www.diako-online.de

Hintergrund: Babyklappe

Rotenburg/Wümme (epd). Babyklappen oder "Babykörbchen" sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in die Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und damit zur Adoption freigeben können. Über einen Alarm werden eine Klinik oder Hebammen auf das Kind aufmerksam gemacht, so dass sie sich um den Säugling kümmern können.

In Deutschland wurde vor zehn Jahren in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet. Seitdem wurden dadurch 300 bis 500 Kinder zu "Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft", wie es in einer im November 2009 veröffentlichten Stellungnahme des Deutschen Ethikrats hieß. Die Zahl ist umstritten. Derzeit gibt es bundesweit fast 100 Babyklappen, die meist von kirchlichen Einrichtungen getragen werden. Daneben können bundesweit in rund 130 Krankenhäusern anonyme Entbindungen vorgenommen werden. Dabei gibt die Frau ihre Identität nicht preis.

In Hannover wurde 2001 auf Initiative der damaligen evangelischen Bischöfin Margot Käßmann das Projekt "Mirjam - ein Netzwerk für das Leben" gegründet. Es bietet neben einem Notruftelefon und anderen Angeboten für Mütter in Not auch ein "Babykörbchen" im Diakonie-Krankenhaus Friederikenstift.

Babyklappen sind heftig umstritten. Eine bundesweit qualifizierte wissenschaftliche Auswertung zu dem Thema gibt es bislang nicht. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums wird zum Mai 2011 erwartet. Unter Fachleuten ist umstritten, ob Frauen, die ihr Kind töten wollen, durch Babyklappen erreicht werden. Auch meinen Kritiker, dass bei den Babyklappen das Recht auf Wissen um die eigene Herkunft außer acht gelassen werde.

Anfang 2008 machte ein Fall in Hannover Schlagzeilen. Vor der Babyklappe des Friederikenstiftes war ein Neugeborenes abgelegt worden. Der Säugling wurde erfroren aufgefunden, und es stellte sich heraus, dass sich die Klappe nicht öffnen ließ. Es blieb allerdings ungeklärt, ob die Mutter versucht hatte, das Kind in das Wärmebett zu legen, oder ob der Junge zu dem Zeitpunkt schon tot war.

Die Idee der Babyklappe ist alt. Findelhäuser für Waisen gab es schon vor Jahrhunderten, und auch in vielen Klöstern wurden damals schon Babys anonym abgegeben. Papst Innozenz III. ließ gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfügen, dass an den Pforten zahlreicher Findelhäuser sogenannte Drehladen angebracht wurden, um die geheime Abgabe besser zu ermöglichen und die Ermordung unerwünscht geborener Kinder zu verhindern. Babys konnten in die Vorrichtungen gelegt und in das Gebäudeinnere gedreht werden.

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen
18.9.10

-> www.netzwerk-mirjam.de