"Helden des Alltags"

Nachricht 05. September 2010

Von Michael Grau und Charlotte Morgenthal (epd)



Hannover (epd). Wolfgang Kramer (71) ist schon mehr als sein halbes Leben lang ehrenamtlich tätig. Seit 45 Jahren arbeitet er ununterbrochen im evangelischen Kirchenvorstand mit - eine rekordverdächtige Marke. "Im vergangenen Jahr habe ich dafür sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen", erzählt der pensionierte Lehrer stolz, aber auch ein wenig verlegen. Am Sonnabend ist er mit einer Gruppe aus der Nähe von Northeim am Harz nach Hannover gereist, um mit 7.500 anderen kirchlichen Mitarbeitern den "Ehrenamtlichentag 2010" zu feiern.



Eingeladen hatte die hannoverschen Landeskirche, die sich mit der Großveranstaltung unter dem biblischen Motto "Seid mutig und stark!" bei ihren rund 100.000 Ehrenamtlichen zwischen Cuxhaven und Hann. Münden bedanken wollte. Und so kommt in und vor den Messehallen rasch so etwas auf wie Kirchentagsstimmung. Gäste auf Papphockern wippen im Takt zu Gospels, und der Pianist Dieter Falk verwandelt mit seiner Band alte Kirchenchoräle in modernen Pop.



In Workshops wie "Gottesdiensttester gesucht" oder "Ohne Konflikte geht es nicht" tauschen die Besucher ihre Erfahrungen als freiwillige Mitarbeiter aus. Thema ist dabei oft das manchmal spannungsreiche Verhältnis von Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Und die Frage, ob die freiwillige Mitarbeit genügend Anerkennung erfährt. Wolfgang Kramer ist in diesem Punkt ganz zufrieden. So gebe es immer mal wieder kleine Präsente im Gottesdienst. Manchen reiche das aber nicht, fügt er kritisch hinzu.



Wie wichtig die Anerkennung ist, weiß auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (39). Der CDU-Politiker, der sich als bewusster evangelischer Christ zu erkennen gibt, hat sich diesen Nachmittag extra freigehalten, um am Abschlussgottesdienst teilzunehmen. Und er erhält viel Applaus. "Unsere Demokratie lebt vom Mitmachen", sagt er. Und deshalb seien die Ehrenamtlichen für ihn die "wahren Helden des Alltags". Freiwilliges Engagement sollte in Schulzeugnissen vermerkt werden, fordert er auf der Bühne.



Sigrid Mädge (57) aus Rodewald bei Nienburg sieht das genauso, ist im Alltag aber manchmal unzufrieden. Seit sie nach einem Job in der Diakonie im Ruhestand ist, besucht sie ehrenamtlich ältere Menschen. Doch die Arbeit werde nicht genügend wertgeschätzt. "Man fühlt sich irgendwann ausgenutzt", erzählt sie etwas enttäuscht. "Der Ehrenamtstag ist jedoch ein guter Anfang, um uns Ehrenamtlichen mehr Respekt entgegenzubringen."



Wie wertvoll ein Ehrenamt für die Freiwilligen sein kann, schilderte der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer: Weil es Kontakte zu anderen Menschen schaffe, sei freiwilliges Engagement gesund und könne in manchen Fällen sogar Medizin ersetzen. "Anderen zu helfen, ist sechsmal effektiver als Aspirin." Freiwilliger Einsatz für andere beuge Bluthochdruck, erhöhtem Blutzucker oder zu hohen Blutfetten vor. Und es könne die Lebenserwartung erhöhen.



Die Schülerin Lea Harberts (15) wird es mit Freude gehört haben. Gemeinsam mit Freunden ist sie aus Holtland bei Leer angereist, dort organisiert sie Jugendgottesdienste und Spieleabende. "Unser Pastor freut sich immer, wenn wir mithelfen." Und auch die Rentnerin Gisela Dorn (76) ist zufrieden mit dem Tag. Nach dem Schlussgottesdienst tanzt sie zu Jazzmusik in der Sonne. Besonders hat ihr eine Gesprächsrunde mit Muslimen gefallen. "Beim nächsten Mal würde ich sehr gerne wieder kommen."



Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen

5.9.10


-> Fotogalerie zum Tag der Ehrenamtlichen