Aussteiger spricht über seine gewalttätige Vergangenheit

Nachricht 29. August 2010

Von Karen Miether (epd)

Hermannsburg/ Kr. Celle (epd). Johannes Kneifel outet sich zunächst als Werder-Fan und erntet dafür neben Applaus auch Buhrufe. Als sich der 28-Jährige aber in einer Schule im niedersächsischen Hermannsburg zu seiner Vergangenheit bekennt, beklatschen alle seinen Mut. Rund 330 Konfirmandinnen und Konfirmanden lauschen dem jungen Mann, der wie sie aus der Südheide bei Celle stammt. Er berichtet von seiner Jugend als Rechtsradikaler. Nur wenige Orte entfernt tötete er gemeinsam mit einem Kumpanen bei einer Schlägerei einen Mann und kam dafür als 17-Jähriger für fünf Jahre ins Gefängnis. "Da habe ich dann gemerkt, wohin mich mein bisheriges Wertesystem gebracht hat."

Kneifel hat sich von seiner Vergangenheit losgesagt und studiert heute in einer Ausbildungsstätte der baptistischen Freikirche Theologie. Er warnt die Jugendlichen in der Schulaula vor einer Ideologie, die den Gruppenzwang über das Wohl des Einzelnen stellt. "Das führt dazu, dass man jemanden schlägt, mit dem man kein Problem hat. Das ist eine gefährliche Entwicklung." Henrik (12) und Lorenz (13) sind beeindruckt von der Offenheit des jungen Mannes, den sie schon in einer Arbeitsgruppe kennengelernt haben: "Das hat man vorher gar nicht gedacht."

Aus neun Kirchengemeinden sind die Konfirmanden zu einem Projekttag "Gib dem Hass keine Chance - Neo-Nazis enttarnen" zusammengekommen. "Das Einstiegsalter von Jugendlichen in die rechtsextreme Szene hat sich auf mittlerweile zwölf Jahre gesenkt. In der Schule wird das Thema dann noch nicht behandelt", erläutert der Friedensbeauftragte der hannoverschen Landeskirche, Pastor Klaus Burckhardt. Er hat gemeinsam mit der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt in Braunschweig das Unterrichtskonzept entwickelt, das Jugendliche gegenüber rechtsextremistischen Werbungsversuchen sensibilisieren soll.

Auch Johannes Kneifel rutschte im Konfirmandenalter durch ältere Freunde in die rechte Szene ab. "Meine damaligen Freunde waren meine Familie. Wir haben Party gemacht und rechtsextreme Musik gehört", erzählt er. Die gewaltverherrlichenden Texte hätten dazu beigetragen, Gewalt als "einen normalen Weg" zu sehen. Die Musik, die Neonazis mittlerweile auf Schulhöfen zu verteilen versuchen, ist ebenso Thema des Projekttages wie das Aufdecken rechtsextremer Parolen. Lara (14) und Marie (13) schreiben auf, wie sie sich Deutschland wünschen: ohne Rassismus, aber mit Sonnenschein. Der Tag soll Alternativen zum menschenverachtenden rechtsextremen Weltbild aufzeigen.

Besonders in ländlichen Regionen seien die Jugendlichen gefährdet, sagt Michael Neu von der Braunschweiger Arbeitsstelle. "Langeweile und Perspektivlosigkeit machen anfällig", ergänzt Brigitte Behn, die sich seit 20 Jahren im Hermannsburger Präventionsrat engagiert. Im benachbarten Hetendorf hatte der inzwischen verstorbene Anwalt Jürgen Rieger in den 1990er Jahren schon einmal einen Kristallisationspunkt Rechtsextremer geschaffen.

Als Rieger vor gut einem Jahr erneut aktiv wurde, entstand die Idee zum Konfirmandentag. Anhänger des NPD-Funktionärs hatten in Faßberg ein Hotel besetzt. Unter ihnen waren auch junge Menschen aus der Region. Zwar scheiterten die Pläne nach Riegers Tod, doch es gibt weitere Brennpunkte. Erst am vergangenen Wochenende trafen sich fast 600 Neonazis zu einem Konzert auf dem Hof eines Landwirten im nahe gelegenen Eschede.

Johannes Kneifel sagt, er habe er keinen Kontakt mehr zu den Freunden von einst. "Es zieht mich nichts zurück." Wenn er vor Jugendlichen offen über seine Vergangenheit spreche, sei er zum einen durch seinen Glauben motiviert, zum anderen durch Menschen, die ihm eine zweite Chance gegeben hätten. Schon im Gefängnis sei er solchen Menschen begegnet, dazu gehörten Christen, die Gefangene besuchten, aber auch ausländische Mithäftlinge. "Die Dankbarkeit für die Chance, die ich bekommen habe, ist mein Antrieb."

Internet: www.arug.de, www.kirchliche-dienste.de
www.schrittegegentritte.de

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