Jüdischer Landesverband feiert 60-jähriges Bestehen - Knobloch: Deutschland ist für Juden wieder eine Heimat

Nachricht 24. August 2010

Hannover (epd). Repräsentanten aus Politik, Kirche und Gesellschaft haben dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen zum 60-jährigen Bestehen gratuliert. "Deutschland ist für uns Juden wieder eine Heimat", sagte die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bei einer Feierstunde am Dienstag in Hannover. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) sagte, jüdisches Leben sei wieder für alle sichtbar geworden und werde von Tag zu Tag selbstverständlicher.

Der Landesverband wurde 1950 von Überlebenden des Holocaust gegründet und hat heute rund 7.000 Mitglieder in 13 Gemeinden, zum großen Teil Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Im Verband sind zurzeit zwei Rabbiner beschäftigt. Bei der Feier in der Synagoge in Hannover wurde zugleich das 30-jährige Amtsjubiläum des Verbandsvorsitzenden Michael Fürst begangen.

Knobloch sagte laut Redemanuskript, das Judentum sei in den sechs Jahrzehnten zu einem festen Bestandteil der deutschen Gesellschaft gewachsen: "Ich gehe so weit zu sagen: Das deutsche Judentum ist die dynamischste jüdische Diaspora in Europa, vielleicht weltweit." Noch in den 1950er Jahren habe ein blühendes neues deutsches Judentum außerhalb jeder Vorstellungskraft gelegen. Allerdings müsse die Demokratie alle Mittel ausschöpfen, um dem Antisemitismus entgegenzuwirken.

McAllister betonte, der Landesverband habe sich trotz vieler Spannungen und Probleme mit Erfolg der Herausforderung gestellt, die zahlreichen Zuwanderer aus Russland zu integrieren. Als Vorsitzender sei Michael Fürst in den vergangenen 30 Jahren für die Landesregierung ein kompetenter und verlässlicher Gesprächspartner gewesen. Darüber hinaus habe er nicht nur das Gespräch mit den Kirchen, sondern auch den Kontakt zu den muslimischen Verbänden gesucht: "Nur so kann der interreligiöse Dialog gelingen."

Für die evangelischen Kirchen in Niedersachsen sagte der braunschweigische Landesbischof Friedrich Weber: "Wir danken Gott, dass Juden in Deutschland nicht mehr auf gepackten Koffern sitzen, sondern eine klare Perspektive und Zukunft haben." Auch die Kirchen träten dafür ein, dass die Erinnerung an den Holocaust nicht verblasse und Deutschland seiner historischen Verantwortung gerecht werde. Bis heute komme kaum ein jüdischer Gottesdienst ohne ein Mindestmaß an Polizeischutz aus.

Das aktuelle Stichwort: Landesverband der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen

Hannover (epd). Zum Landesverband der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, der am Dienstag sein 60-jähriges Bestehen feierte, gehören 13 Gemeinden mit mehr als 7.000 Mitgliedern. Rabbiner amtieren in Braunschweig und Osnabrück, Jonah Sievers aus Braunschweig ist zugleich Landesrabbiner. Vorsitzender des Verbandes ist seit 30 Jahren der Rechtsanwalt Michael Fürst aus Hannover.

Der Landesverband wurde 1950 von Überlebenden des Holocaust in einem formalen Akt ohne Versammlung gegründet. Zuvor war umstritten, ob Juden nach dem Völkermord durch die Nationalsozialisten überhaupt in Deutschland bleiben sollten. Die 13 Gemeinden beauftragten Norbert Prager, den Vorsitzenden der größten Gemeinde in Hannover, ihre Interessen gegenüber dem Kultusministerium zu vertreten.

Für das in der NS-Zeit enteignete jüdische Gemeindevermögen bekamen der Verband und andere Organisationen 1959 vom Land eine Entschädigung von insgesamt 9,45 Millionen Mark. Aus diesem Grundstock wurde unter anderem die Synagoge in Hannover gebaut. Der Verband kümmerte sich um die jüdischen Friedhöfe und initiierte Gedenkfeiern für die Opfer des Holocaust auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. 1963 erhielt er den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Ab den 1960er Jahren sanken die Mitgliederzahlen, so dass einige Gemeinden aufgelöst werden mussten. 1980 übernahm Michael Fürst von Leon Feiler das Amt des Vorsitzenden. Gemeinsam mit den christlichen Kirchen setzte er den Gottesbezug in der Präambel der niedersächsischen Verfassung durch. Durch den Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion begannen die Gemeinden ab den 1990er Jahren wieder, stark zu wachsen.

Ein zweiter, liberal ausgerichteter jüdischer Landesverband mit mehr als 1.000 Mitgliedern in sieben Gemeinden trennte sich 1997 vom traditionellen Verband. Derzeit erhalten die beiden jüdischen Verbände vom Land jährlich Zuschüsse von rund 1,1 Millionen Euro.

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24.8.10