Paradies hinter dicken Mauern - Erste deutsche Studie zu den Wünschen von Kirchenbesuchern

Nachricht 19. August 2010

Von Karen Miether (epd)

Celle/Hannover (epd). Knud Hassing-Poulsen (64) aus Alborg interessiert sich für die Gruft der Dänenkönigin Caroline Mathilde. Alva Bloom (13) aus München hält nach Engeln Ausschau, von denen mehrere keck vom Kanzeldeckel winken. Die Stadtkirche im niedersächsischen Celle ist ein Touristenmagnet. Erstmals in Deutschland soll eine Studie in der hannoverschen Landeskirche ergründen, was sich Besucher in den Kirchen erhoffen. "Das ist empirisch ein weißer Fleck", sagt Professor Ralf Hoburg von der Fachhochschule Hannover, der die Untersuchung leitet.

"Die Zahl der Menschen, die einfach so in eine Kirche gehen, ist siebenmal so hoch wie die der Gottesdienstteilnehmer", weiß Klaus Stemmann, Leiter von "Kirche im Tourismus" der größten evangelischen Landeskirche. Genaue Daten fehlen. Doch das Interesse lässt sich auch abseits von Attraktionen wie dem katholischen Kölner Dom mit jährlich rund sechs Millionen Besuchern beobachten. So errechneten Studenten in Lüneburg, dass in einem Jahr mehr als 320.000 Gäste St. Johannis, St. Michaelis und St. Nicolai in der Innenstadt besichtigten.

"Wir wollen etwas über die Motive derjenigen erfahren, die im Alltag eine Kirche aufsuchen", sagt Hoburg. "Ist es touristisches Interesse, Neugierde oder eine neue Sehnsucht nach Religion?" In rund 20 evangelischen Gemeinden werden noch bis Ende September die Gäste befragt. Neben Städten wie Celle und Hannover beteiligen sich auch dörfliche Regionen etwa in Ostfriesland.

Erste Tendenzen lassen sich aus der Auswertung erkennen, die eine Studentin in der Kirche von Worpswede bei Bremen gemacht hat. Dort hat mehr als die Hälfte den Besuch vorher geplant. Jeder Zweite würde Geld für den Erhalt des Baus spenden. Während sich mehr als jeder Zweite als religiös bezeichnet, fühlt sich allerdings nur jeder Achte der christlichen Kirche verbunden.

"Durch den Kirchenbesuch suchen sie keine direkten religiösen Gebetserfahrungen", sagt Hoburg. Die Gäste sähen in den sakralen Gebäuden jedoch "Ruheorte" und "Orte der Unterbrechung". Zudem locke das zunehmende Interesse an der Geschichte des eigenen Landes und der Familiengeschichte Touristen in die historischen Mauern.

Alva Bloom und ihre Freundin kreuzen in der mehr als 700 Jahre alten Stadtkirche in Celle an, dass sie die "Ruhe und Stille" fasziniert. Der Altar ist ihnen wichtig, die Kirchenfenster und natürlich die Engel. "Wegen der Atmosphäre", sagt Alva und lässt ihren Blick zum Tonnengewölbe schweifen, das mit Engeln und Pflanzen aus Stuck an einen himmlischen Garten erinnert.

Knud Hassing-Poulsen bedauert, dass er nicht bleiben kann, bis der Küster die Gruft öffnet. Dort ist neben anderen Caroline Mathilde von Dänemark (1751-1775) beigesetzt. Die Königin wurde verstoßen und fand in Celle Zuflucht, nachdem ihr eine Liebesbeziehung zum Leibarzt Johann Friedrich Struensee nachgesagt wurde. Der Tourist aus Alborg findet: "Sie ist ein Teil der Geschichte Dänemarks."

Dass Kirchen frei zugänglich sind, war in evangelischen Gemeinden lange keine Selbstverständlichkeit. In den 1980er Jahren hätten Besucher oft vergebens an den Türen gerüttelt, sagt Stemmann. Mittlerweile hat sich das geändert. Allein 15 der 22 evangelischen Landeskirchen garantieren verlässliche Öffnungszeiten mit einem blauen Hinweisschild, das in Niedersachsen an mehr als 350 Kirchen hängt. In Celle sorgt ein Team von Ehrenamtlichen für die Besucher. Küster Ralf Pfeiffer ist aus Überzeugzung gastfreundlich: "Die Kirche ist kein Museum. Sie lebt mit jedem Menschen weiter, der hier her kommt."

Internet: www.offene-kirchen.de

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19.8.2010