"Bad Nenndorf ist bunt" - Ein kleiner Kurort in Niedersachsen wehrt sich gegen die jährlichen Aufmärsche von Rechtsextremisten

Nachricht 14. August 2010

Von Charlotte Morgenthal (epd)



Bad Nenndorf/Kr. Schaumburg (epd). "Ich habe Angst", sagt Ingrid Kramer und hat Tränen in den Augen. Die Rentnerin steht an ihrer Haustür und beobachtet den Ausnahmezustand in ihrem Heimatdorf Bad Nenndorf. "So etwas habe ich noch nie erlebt." Rund 900 Neonazis halten an diesem Sonnabend in dem Kurort bei Hannover bereits zum fünften Mal ihren jährlichen "Trauermarsch" ab. Eine vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und dem Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" angemeldete Gegendemonstration ist dagegen nur eingeschränkt und erst verspätet erlaubt worden.



Am Abend zuvor zeigt Bad Nenndorf noch ein anderes Bild. Marie Schöwe schmückt ihren Vorgarten mit bunten Vereinswimpeln und Tüchern. Auch die 74-Jährige ist überrascht von dem diesjährigen Rummel. Sie wohnt nur wenige hundert Meter von dem Bahnhof entfernt, an dem am nächsten Tag Hunderte Neonazis anreisen werden. "Ich finde es aber wichtig zu zeigen, dass Bad Nenndorfer nicht so denken", sagt die Rentnerin.



Eine Woche lang hat sich das Bündnis in dem 10.000 Einwohner-Ort auf die Gegendemonstration vorbereitet. Schüler haben Schilder gemalt und Plakate geklebt. In fast allen Häusern und Schulen, die die Straße säumen, sind bunte Fahnen und Tücher an den Fenstern angebracht. Die Plakate und Banner mit dem Leitspruch des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" hängen an jeder Hauswand. Kinder malen mit farbiger Kreide "Nazis raus" auf den Asphalt.



Doch am Donnerstagabend hat das Verwaltungsgericht Hannover die Gegendemonstration verboten. Zur Begründung hieß es, die Einsatzkräfte der Polizei reichten nur für eine Kundgebung aus und die Rechten hätten ihre Veranstaltung zuerst beantragt. Die Neonazis veranstalten seit 2006 einen "Trauermarsch" zum ehemaligen britischen Militärgefängnis Wincklerbad im Ort. Sie haben die Veranstaltung bis 2030 angemeldet.



Auf einer Kundgebung am Freitagabend spricht der leitende evangelische Theologe Andreas Kühne-Glaser das aus, was viele bewegt. Ein solches Urteil dürfe sich nicht wiederholen. "In was für einem Land leben wir denn?", fragt der Superintendent. Dafür erntet er viel Applaus.



Zu diesem Zeitpunkt wissen die Bürger noch nicht, dass die Veranstaltung ihres Bündnisses doch noch in einer Eilentscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg genehmigt wird. Zwei Stunden dürfen sie am Samstagmorgen eine Kundgebung abhalten. Das Gericht gibt damit teilweise einer Beschwerde des Gewerkschaftsbundes gegen das Demonstrationsverbot statt.



Am Morgen kommen zunächst rund 500 Menschen zu einem ökumenischen Gottesdienst. Klaviermusik klingt durch die Gärten und verleiht der Feier die Atmosphäre eines Kurkonzerts - wären da nicht vermummte, schwarz gekleidete Demonstranten am Rand. Als die Gemeinde kräftig das Lied anstimmt "Herr, gib mir Mut zum Brücken bauen", sind im Hintergrund die Hufen einer Polizeireiterstaffel zu hören. Die Strecke der Neonazis ist von 2.000 Polizisten weiträumig abgesperrt worden.



Als "skandalös" bezeichnet anschließend der DGB-Regionsvorsitzende Sebastian Wertmüller die Umstände der Kundgebung, zu der rund 1.000 Menschen erscheinen: "Man muss sich mal vorstellen: Die jüdische Gemeinde Nenndorfs beispielsweise darf nur nach langen Auseinandersetzungen vor Gericht eine Minikundgebung mitgestalten, während die braunen Horden in weißen Hemden durch die Bahnhofstraße spazieren."



Währenddessen durchfahren einige Linksextreme, die sich als Polizisten getarnt haben, die Absperrungen und ketten sich an einer Pyramide auf der Marschroute der Neonazis fest. Rund 30 Einwohner unterstützen sie mit einer Sitzblockade. Sie singen Friedenslieder, Zuschauer klatschen laut Beifall. Drei Stunden müssen die Rechtsextremen am Bahnhof warten, bevor sie unter lauten Trommeln, mit schwarzen Fahnen und gesenkten Blicken losmarschieren dürfen.



Marie Schöwe hat sich mittlerweile einen Gartenstuhl in den Vorgarten geholt und sitzt in der Sonne. Angst hat sie keine, denn sie werde ja schließlich gut von der Polizei beschützt, sagt sie. Vor ihrem Haus stehen die Einsatzkräfte jetzt dicht an dicht. "Es kamen hier schon viele Leute vorbei, die mir einfach die Hand gedrückt und mir gesagt haben, wie toll sie das finden, was ich hier mache", sagt sie stolz. Ingrid Kramer hat sich dagegen schon vor Stunden in ihr Haus zurückgezogen.



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14.8.10





Rund 1.200 Menschen protestieren in Bad Nenndorf gegen Aufmarsch von Rechtsextremisten - Etwa 900 Neonazis marschieren durch Kurort bei Hannover -



Bad Nenndorf/Kr. Schaumburg (epd). Mit Transparenten wie "Bad Nenndorf wehrt sich" oder "Deutsche Täter sind keine Opfer" haben am Sonnabend mehr als 1.200 Menschen in Bad Nenndorf friedlich gegen einen Aufmarsch von rund 900 Rechtsextremisten protestiert. In einem ökumenischen Gottesdienst sagte der leitende evangelische Theologe Andreas Kühne-Glaser. Bad Nenndorf sei ein durch die Rechtsextremen gebeutelter Ort: "Bei aller Wut im Bauch, die auch ich empfinde, darf der Hass aber nicht mein Handeln bewegen."



Die Kundgebung des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt", die der DGB angemeldet hatte, war erst am Freitagabend in einer Eilentscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg genehmigt worden. Es gab damit teilweise einer Beschwerde des Gewerkschaftsbundes gegen ein Demonstrationsverbot statt.



Die Umstände der Kundgebung seien "skandalös", sagte der DGB-Regionsvorsitzende Sebastian Wertmüller: "Man muss sich mal vorstellen: Die jüdische Gemeinde Nenndorfs beispielsweise darf nur nach langen Auseinandersetzungen vor Gericht eine Minikundgebung mitgestalten, während die braunen Horden in weißen Hemden durch die Bahnhofstraße spazieren."



Das Bündnis durfte am Morgen für zwei Stunden eine Kundgebung abhalten, aber nicht wie geplant in einer Demonstration am Mittag durch den Ort ziehen. Auch die Route der Rechtsextremen war eingeschränkt worden. Nach Angaben der Polizei waren 2.000 Beamte aus ganz Deutschland im Einsatz.



Der Aufmarsch der Neonazis wurde durch zwei Sitzblockaden von jeweils 20 Menschen aufgehalten. Eine weitere Gruppe von vier Gegendemonstranten gelangte hinter die Absperrung der Polizei, lud von einem als Polizeiwagen getarnten Transporter eine Betonyparamide ab und kettete sich daran fest.



Das Verwaltungsgericht Hannover hatte die Gegendemonstration am Donnerstag verboten. Zur Begründung hieß es, die Einsatzkräfte der Polizei reichten nur für eine Kundgebung aus und die Rechten hätten ihre Veranstaltung zuerst beantragt. Die Neonazis veranstalten seit 2006 einen "Trauermarsch" zum ehemaligen britischen Militärgefängnis Wincklerbad im Ort. Sie haben die Veranstaltung bis 2030 angemeldet.



Im Wincklerbad befand sich von 1945 bis 1947 ein britisches Militärgefängnis für Nazis. Dort sollen Gefangene auch gefoltert worden sein. Diese Misshandlungen sind dem DGB zufolge damals umgehend geahndet und von der Öffentlichkeit in Großbritannien verurteilt worden.



Die Grünen im Bundestag begrüßten die Entscheidung des Lüneburger Gerichts. "Es wäre den Bürgern nicht zuzumuten gewesen, den von den Nazis für die nächsten Jahrzehnte angemeldeten Aufmärschen jeweils tatenlos zusehen zu müssen", hieß es in einer Erklärung. Eine solche Entscheidung hätte das Vertrauen der Menschen in den demokratischen Rechtsstaat nachhaltig beschädigt." Gegen das Verbot der Gegendemonstration hatte es massive Kritik von Politikern, Parteien und Kirchen gegeben. Unter anderen hatte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) protestiert.



Internet: www.bad-nenndorf-ist-bunt.com



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