Ein Liederdichter kämpfte gegen die Hexenjäger - Vor 375 Jahren starb der Jesuit Friedrich Spee

Nachricht 05. August 2010

Von Christian Feldmann (epd)

Frankfurt a.M./Peine (epd). Er war gefürchtet als Querdenker und geschätzt als Verfasser frommer Betrachtungen und eingängiger Kirchenlieder wie "O Heiland, reiß die Himmel auf": Der Jesuit und Moraltheologe Friedrich Spee (1591-1635), gestorben vor 375 Jahren am 7. August 1635. Vor allem aber war der Katholik ein entschiedener Gegner der Hexenverfolgung - undenkbar vor 400 Jahren.

"Was suchen wir so mühsam nach Zauberern? Hört auf mich, ihr Richter, ich will euch gleich zeigen, wo sie stecken! Auf, greift Kapuziner, Jesuiten, alle möglichen Ordensleute und foltert sie, sie werden gestehen. Wollt ihr dann noch mehr, dann will ich euch selbst foltern lassen und ihr dann mich. So sind wir schließlich alle Zauberer ", heißt es in einem Pamphlet, das auf dem Höhepunkt der Hexenverfolgungen anonym erschien. Das Werk argumentiert streng juristisch, aber in einem sarkastischen Ton.

Die Spitzel der Inquisition bringen bald heraus, wer der Autor ist: Der Paderborner Jesuit Spee. Seinen Lehrstuhl hatte er ein Jahr zuvor bereits verloren; das Pamphlet wird ihm nun wohl endgültig den Hals brechen. Denn schließlich ist die gut organisierte Jagd auf Dämonenknechte, Teufelsbastarde und Satansanbeterinnen von den höchsten Autoritäten in Staat und Kirche abgesegnet.

Erstaunlicherweise steht der Jesuitenorden zu seinem rebellischen Mitglied, wenn auch nur halbherzig: Spee wird nach Trier versetzt und nicht zu den letzten Gelübden zugelassen, aber auch nicht ausgestoßen. Als er sich bei der hingebungsvollen Pflege der Opfer des Dreißigjährigen Krieges an einer Seuche ansteckt und 1635 stirbt - erst 44 Jahre ist er alt - werden seine Vorgesetzten bei allem Schmerz erleichtert gewesen sein.

Friedrich Spee stammte aus altem Adel: 1591 kam er als Sohn eines Burgvogts in Kaiserswerth bei Düsseldorf zur Welt. Er trat in Köln in den Jesuitenorden ein und träumte von einem abenteuerlichen Leben in den indischen Missionen. Doch die Jesuiten sahen den Schwerpunkt ihrer Arbeit im von Glaubenskämpfen zerrissenen Deutschland. Spee sollte als Moraltheologe in Köln die geistige Auseinandersetzung mit der Reformation führen.

Er muss ein eindrucksvoller Lehrer gewesen sein. Ein aus seinen Vorlesungen zusammengestelltes Handbuch erschien in mehr als 200 Auflagen. Im niedersächsischen Peine wirkte er so erfolgreich bei der "Rekatholisierung" mit, dass ihm ein Attentäter die Schädeldecke mit dem Griff seiner Pistole zertrümmerte.

Spees Vorlesungen kennt heute keiner mehr - ganz im Gegensatz zu seinen zahllosen Kirchenliedern. "Zu Bethlehem geboren", "Als ich bei meinen Schafen wacht", "Bei stiller Nacht zur ersten Wacht", "Lasst uns erfreuen herzlich sehr", "Ihr Freunde Gottes allzu gleich" - alles Werke des Barockpoeten Spee. Nicht zu vergessen natürlich sein Adventslied "O Heiland, reiß die Himmel auf!"

Der leidenschaftliche Ruf nach dem Retter im Liedtext darf durchaus als Schrei der unschuldig Inhaftierten, Gefolterten und Verbrannten jener Tage verstanden werden. Ihre Not hat Spee als Seelsorger und Beichtvater kennengelernt.

Denn er ist in die Gefängnisse gegangen. Spee hat Verurteilte zum Richtplatz begleitet, Akten und Verhörprotokolle studiert und mit den Richtern gesprochen. Das Ergebnis ist eindeutig und steht in seiner Streitschrift "Cautio Criminalis", zu deutsch etwa "Vorsicht beim Prozess": "Persönlich kann ich unter Eid bezeugen, dass ich jedenfalls bis jetzt keine verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen geleitet habe, von der ich unter Berücksichtigung aller Gesichtspunkte aus Überzeugung hätte sagen können, sie sei wirklich schuldig gewesen."

Die Frage, ob es Hexen gibt oder nicht, interessiert Spee nicht. Ihn treibt die Frage um, ob man mit der gängigen Folterpraxis Schuld oder Unschuld herausfinden kann, und er kommt zu einem klaren Nein: "Es muss gänzlich mit der Hexeninquisition aufgehört werden - so ein Verfahren ist immer ungerecht und rechtswidrig."

Er klagt die Menschenrechte der unzähligen Gefolterten und ums Leben Gebrachten ein und fordert eine faire Gerichtsprozedur: Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils, Information des Angeklagten über seine Rechte und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, Bestellung eines Verteidigers möglichst nach seiner Wahl - und komplette Abschaffung der Folter.

Tatsächlich ebbten die Verfolgungen nach der Veröffentlichung der Streitschrift ab. Anfang des 18. Jahrhunderts berief sich der große Aufklärer Christian Thomasius ausdrücklich auf Spee. Doch erst 1755 wurde in Deutschland die letzte Hexe hingerichtet.