Klassenausflug zum Babykörbchen - "Netzwerk Mirjam" informiert Schüler über Hilfen bei Schwangerschaften

Nachricht 25. Juni 2010

Von Charlotte Morgenthal (epd)

Hannover (epd). Die 13-jährige Sophie hat Tränen in den Augen. "Das war ein Schock", sagt sie. "Ich könnte mir nie vorstellen, mein Baby einfach so abzugeben." Die Jugendliche hat soeben mit ihrer Klasse an einem Schülerrundgang zum Babykörbchen des evangelischen Friederikenstifts in Hannover teilgenommen. Das Babykörbchen ist Teil des "Netzwerks Mirjam" der hannoverschen Landeskirche. Es hilft Schwangeren und Müttern in Not außerdem mit einer Telefonhotline sowie Beratungs- und Wohnangeboten.

Das Netzwerk wurde 2001 von der ehemaligen Landesbischöfin Margot Käßmann und dem Diakonischen Werk gegründet. Die Öffentlichkeitsreferentin des Krankenhauses, Christel Suppa, bietet seitdem auch Führungen für Schulklassen an. Vor wenigen Stunden hat Sophie in der Stiftskirche gesessen und erfahren, warum es das Netzwerk gibt.

Die Mädchen und Jungen haben sich getrennt voneinander hingesetzt. Sie sind verlegen, als Suppa über Verhütung und Sexualität spricht. Sie erzählt von den risikoreichen Geburten, die die Frauen meist allein durchstehen. Die Siebtklässler hören auch von verzweifelten Müttern, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als ihr Kind anonym in das Babykörbchen zu legen.

Suppa arbeitet ehrenamtlich für das "Netzwerk Mirjam". Sie findet es wichtig, dass Jugendliche bereits mit dem Beginn der Pubertät an das Thema herangeführt werden. "Gerade Kinder, die nicht aus behüteten Verhältnissen kommen, wünschen sich oft eine eigene, heile Familie", sagt sie. Dass sie mit einer frühen Schwangerschaft überfordert seien, zeige sich erst, wenn sie keine Unterstützung erhielten. Diese Situation will Suppa verhindern - deshalb hat sie bisher mehr als 1.000 Schüler über das Netzwerk informiert.

Nach dem Gespräch geht sie mit der Klasse zum Haupteingang. Hier zeigt ein Schild, wie man das Babykörbchen findet. Die Schüler sind jetzt still, keiner macht mehr Witze. Ein schmaler Gang, dicht gesäumt von Bäumen und Hecken, führt an einem Nebengebäude vorbei. Dann geht es ein paar Stufen hinab zu einer Kellertür. In der Mitte der Tür ist eine Klappe, dahinter steht ein Wärmebett, in das ein Kind gelegt werden kann. Zeichnungen beschreiben, wie die Klappe zu betätigen ist.

Die meisten Kinder werden in der Dunkelheit abgegeben. Suppa erzählt den Schülern die Geschichte von "Mose": Er wurde im Januar 2008 tot vor dem Babykörbchen aufgefunden. Bis heute konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob sich die Klappe in dieser Nacht nicht öffnen ließ oder warum die Mutter ihr Kind bei Minus-Temperaturen ablegte. Margot Käßmann gab dem toten Säugling seinen Namen und beerdigte ihn.

Jeder Schüler geht einmal die Treppen hinab. Sobald die Klappe geöffnet wird, ertönt in allen Kreißsälen ein Alarmton. Die Mutter kann mit einem Stempelkissen einen Fußabdruck von ihrem Kind machen, falls sie ihr Kind später doch zurückholen möchte. Eine Videokamera ist auf das Bettchen gerichtet. In nur wenigen Minuten ist dann eine Hebamme vor Ort.

Sobald die Klappe verschlossen ist, lässt sie sich nicht wieder öffnen. Doch die Mutter des Kindes hat acht Wochen Zeit sich zu melden, bevor das Kind zur Adoption freigegeben wird. Bei neun bereits abgegebenen Neugeborenen haben sich drei Mütter entschieden, ihr Kind doch zu behalten.

Suppa betont, dass die Babykörbchen als allerletzte Hilfsmöglichkeit des Netzwerks gesehen wird. "Wir freuen uns darüber, wenn kein Kind in das Körbchen gelegt wird", sagt sie. "Wir möchten mit unseren Beratungsstellen und Wohnangeboten möglichst vorher helfen." Eine erste Anlaufstelle ist das Notruftelefon, das unter der Nummer 0800/60 500 40 rund um die Uhr zu erreichen ist.

Nach der Führung sitzt Sophie mit ihren Mitschülern in der Eingangshalle. Eine Mutter mit einem Säugling auf dem Arm geht an ihr vorbei. Sophie schaut auf den Boden. Sie könne sich nicht vorstellen, ihren Eltern, Freunden oder der Sozialpädagogin an der Schule von einer Schwangerschaft zu erzählen, erzählt sie. In der Hand hält sie einen Flyer des Netzwerks: "Ich würde erst mal die Notrufnummer wählen."

Internet: www.netzwerk-mirjam.de

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25.6.2010