Stadt Hannover erstattet Strafanzeige wegen Steinwürfen auf Juden

Nachricht 23. Juni 2010

Hannover (epd). Nach Steinwürfen auf eine jüdische Tanzgruppe hat die Stadt Hannover Strafanzeige wegen Volksverhetzung und Körperverletzung gegen unbekannt erstattet. "Das ist völlig unakzeptabel, so etwas hat es in Hannover noch nie gegeben, und es soll auch nie wieder passieren", sagte Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) am Mittwoch vor Journalisten. "Eine derartige Störung eines solchen Festes werden wir nicht tolerieren." Auch die Liberale Jüdische Gemeinde in Hannover äußerte sich bestürzt über den Vorfall.

Die Tanzgruppe "Chaverim" (Freunde) mit acht Frauen war nach Darstellung der Stadt bei einem Stadtteilfest am Wochenende von mehr als hundert Zuschauern zunächst gefeiert worden. Dann riefen einige Kinder und Jugendliche judenfeindliche Ausdrücke und warfen größere Kieselsteine in Richtung der Bühne. Ein Stein verletzte eine Tänzerin am Bein. Die Tanzgruppe brach daraufhin ihre Vorführung ab. Bei den Steinewerfern soll es sich um Kinder aus libanesischen, iranischen und palästinensischen Familien handeln.

Die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, Ingrid Wettberg, sprach von einem Fall von islamischem Antisemitismus. "Wie werden Kinder groß, wenn sie von ihren Eltern zu so etwas missbraucht werden und an die vorderste Front geschickt werden?", sagte sie. Die Integration der Muslime werde misslingen, wenn sie nicht die Herzen der Zuwanderer erreiche.

Die jüdische Gemeinde, zu der die Tanzgruppe gehört, wolle von einer eigenen Anzeige absehen, da die Stadt bereits aktiv geworden sei. Sie wolle trotz der Vorfälle eine offene Gemeinde bleiben, sagte Wettberg: "Wir werden uns nicht zurückziehen, sondern weiter nach außen gehen, aber mit größerer Vorsicht." Hintergrund der Attacke sei offenbar die politische Situation im Nahen Osten. Jüdische Menschen würden gleichgesetzt mit Israel, obwohl sie sich selbst als Deutsche sähen.

Die Steinewerfer sind nach Angaben der Stadt zehn bis 15 Jahre alt. Sie hätten die Steine zuvor spontan von einem Kieshaufen um die Ecke aufgesammelt. "Wir haben gegenwärtig keine Anhaltspunkte dafür, dass es sich um eine von langer Hand vorbereitete Störaktion handelte", sagte Weil. Der Vorfall müsse gründlich aufgearbeitet werden. Dabei wolle die Stadt auch mit den Jugendlichen selbst und mit ihren Familien ins Gespräch kommen.

Der Islam-Beauftragte der hannoverschen Landeskirche, Pastor Wolfgang Reinbold, sprach von einem "Alarmsignal". Der Vorfall zeige, dass die Verständigung unter den Religionen verstärkt werden müsse. Die Menschen müssten lernen, zwischen den Juden und der Politik Israels zu trennen, sagte der evangelische Theologe dem epd. Seine islamischen Gesprächspartner seien ebenso bestürzt wie er. "Ein rechtschaffener Muslim achtet jeden Juden und bewirft ihn nicht mit Steinen", erklärte das "Haus der Religionen" in Hannover.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund äußerte sich entsetzt über den Vorfall. Regionsvorsitzender Sebastian Wertmüller forderte Projekte der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit gegen den Antisemitismus unter Zuwanderern.

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23.6.2010