Zwölf Kilo Verkündigung - Posaunisten haben sich dem Glauben und der Musik verschrieben - Sprengelfest mit Jubiläum

Nachricht 17. Juni 2010

Von Dieter Sell (epd)



Tarmstedt/Kr. Rotenburg (epd). Es ist schon ein prächtiges Instrument, mit dem Johannes Holsten an diesem Wochenende in Tarmstedt bei Bremen zum evangelischen Sprengelposaunenfest aufspielen will. Mit den vielen Rundungen und fein gewundenen Luftgängen bringt seine Tuba stolze zwölf Kilo auf die Waage. Metallglänzende Pfunde für die Verkündigung, denn "mit Musik kann ich meinen Glauben ausdrücken", sagt der 79-Jährige. Tarmstedt ist ab Freitagabend auch deshalb Treffpunkt vieler Bläserinnen und Bläser aus dem Norden, weil der örtliche Posaunenchor dort sein 150-jähriges Bestehen feiert.



Holsten ist selbst schon mehr als 60 Jahre Mitglied im Tarmstedter Posaunenchor, der ein Kind der Erweckungsbewegung Mitte des 19. Jahrhunderts ist. Damals wetterte Prediger Ferdinand Crome ganz in der Nähe gegen die Musiker, die bei Erntedankfesten und Hochzeiten munter aufspielten. "De Musikanten sünd den Dübel siene Knechte und helpt de Lüer in de Höll", ätzte der fromme Crome. Mit seinen Schimpf-Tiraden bekehrte er die Tarmstedter Brüder Johann und Hinrich Gerdes, die sich prompt von ihren Geigen lossagten, um sich der Kirchenmusik und den Posaunen zuzuwenden - und den Jubiläumschor mit zu begründen.



Das soll am Freitag und am Sonnabend unter anderem mit einem Festgottesdienst unter dem Motto "Zeit aus Gottes Hand" gewürdigt werden. Dann predigt Stades Landessuperintendent Hans Christian Brandy, der zu den langjährigen Förderern der Bläserarbeit zählt. "Ich halte die Posaunenarbeit für eine der Erfolgsgeschichten in unserer Kirche", sagt der Regionalbischof. "660 Posaunenchöre mit etwa 13.000 Bläserinnen und Bläsern gibt es in der hannoverschen Landeskirche. Das ist ein gewaltiges ehrenamtliches Potenzial."



In der hannoverschen Landeskirche gehören die Tarmstedter zu den drei ältesten Chören. Im Sprengel Stade sind es nach Angaben des Stader Landesposaunenwartes Reinhard Gramm etwa 100 Gruppen mit 2.000 Bläserinnen und Bläsern. 200 von ihnen werden am Wochenende in Tarmstedt zu Platzkonzerten, Workshop und Gottesdienst erwartet. "Ich weiß keinen zweiten kirchlichen Arbeitsbereich, in dem die Zwölfjährige neben dem Achtzigjährigen, der Landwirt neben dem Manager sitzt", bekräftigt Brandy. "Man merkt das auch an der großen Breite der Musikauswahl von alter Musik über Choräle bis zu jazzigen und poppigen Klängen."



Muntere Klänge sind also längst nicht mehr verpönt, wie das noch zu Ferdinand Cromes Zeit der Fall war. Den besten Beweis dafür lieferte Gramm vor ein paar Tagen, als der 49-jährige Kirchenmusiker eine WM-Fanfare für Vuvuzelas und Posaunen komponierte. "Deutsches Fußballer-Tempo" heißt das Stück, das schnell Liebhaber in ganz Deutschland gefunden hat. "Wer Trompete oder Posaune spielt, der kann auch jeder Vuvuzela Klänge entlocken", ist Gramm überzeugt.



Ganz so einfach ist das auch wieder nicht, bremst Tarmstedts Chorleiter Henry Michaelis die Euphorie. "Die Lippenspannung muss stimmen", sagt der Mann, der den Tarmstedter Chor schon seit 1984 leitet. Dazu sind Michaelis zufolge ein feines Gehör, der richtige Luftdruck, Notenkenntnisse und Fingerspitzengefühl gefragt, wenn es nicht übel scheppern soll.



Trotzdem gebe es reichlich Nachwuchs, freut sich Gramm. Schließlich lasse sich in den Posaunenchören gut und preiswert ein Instrument lernen. "Aber die Fluktuation ist groß, wenn es keinen engen Kontakt zur Kirchengemeinde gibt", räumt der experimentierfreudige Musiker ein. Doch etliche Bläser sind wie Johannes Holsten über Jahrzehnte dabei. Brandy hört in ihrer Musik bei Gottesdiensten, Festen und Kirchentagen den zeitgemäßen und unverzichtbaren "Sound unserer evangelischen Kirche".



Internet: www.sprengel-stade.de; www.michaeliskloster.de/posaunenwerk



17.6.2010