"Wie neugeboren" - Dutzende von Iranern lassen sich in Deutschland jeden Monat christlich taufen

Nachricht 17. Juni 2010

Von Charlotte Morgenthal und Michael Grau (epd)



Hannover (epd). Noch vor einem Jahr unterrichtete die 30-jährige Parysa mit Kopftuch an einer Schule in der iranischen Stadt Isfahan. Heute lebt sie in Deutschland, trägt Jeans und ihre Haare offen. Und vor einem halben Jahr hat sie sich in Hannover christlich taufen lassen und nahm dabei den armenischen Namen "Arpi" an. Wie sie bekennen sich in Deutschland jeden Monat mehrere Dutzend iranische Flüchtlinge bei Festgottesdiensten zum Christentum. An diesem Sonnabend erwartet evangelische Landeskirche wieder rund 40 von ihnen zu einem Tauffest in Hannover.



Pastor Hans-Jürgen Kutzner betreut bundesweit rund 500 bis 1.000 Iraner und veranstaltet mit ihnen Gottesdienste auf Deutsch und Farsi. Der Theologe aus Hannover ist der einzige hauptamtliche evangelische Iraner-Seelsorger und hat selbst schon zahlreiche Iraner getauft. "Sie kommen aus einem Gottesstaat, in dem Religion und Politik nicht getrennt sind", sagt er. Viele hätten Gewalt und Folter im Namen des Islam erlitten. "Wenn man eine Diktatur auf diese Weise erlebt, will man davon frei sein."



Die Abkehr vom Islam und die Hinwendung zum Christentum sei für die Flüchtlinge daher auch mit einer politischen Botschaft verbunden. So sei die Zahl der Hilfesuchenden und der Täuflinge nach den Präsidentschaftswahlen und den großen Demonstrationen im Iran im vergangenen Jahr spürbar gestiegen. "Es geht uns nicht um Mission, sondern um die Menschen", betont Kutzner. "Wir helfen natürlich auch denen, die sich nicht taufen lassen."



Arpi weigerte sich im Iran, den Ganzkörperschleier Tschador zu tragen, und wurde deshalb an eine Dorfschule versetzt. Kurze Zeit später floh sie nach Deutschland. Ihr sonst fröhliches Gesicht verfinstert sich, als sie davon spricht. Für sie ist die im deutschen Grundgesetz festgelegte Religionsfreiheit etwas Besonderes, das sie sich lange gewünscht hat. Wenn sie an ihre Taufe denkt, wirkt sie euphorisch: "Ich fühlte mich wie neugeboren." Auch ihre Familie im Iran hat sich für sie gefreut. Doch sie ist sich sicher: Wenn sie zurück müsste, drohe ihr der Tod durch Steinigung oder Erhängen.

17.6.2010



"Ich war nie eine überzeugte Muslima", sagt sie. Zudem sei es ihr schwer gefallen, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu akzeptieren. "Über die Unterschiede der Religionen konnte ich gar nicht offen diskutieren." In Deutschland fühlte sie sich zunächst sehr niedergeschlagen. Freunde empfahlen ihr, sich an die Iraner-Seelsorge zu wenden, und sie besuchte auch einige Gottesdienste. "Plötzlich fühlte ich mich wieder ruhig und stark."



Die Seelsorge hilft bei Asylanträgen und vermittelt Beratungsstellen. Zudem organisiert sie Tauffeste. Um getauft zu werden, müssen sich die Interessenten Grundkenntnisse des Christentums aneignen - meist über das Internet. "Wir sagen ihnen auch ein paar unbequeme Wahrheiten", sagt Kutzner. So ebne ihnen die Taufe keineswegs automatisch den Weg in die westliche Gesellschaft. Und sie sei ein Risiko, wenn sie wieder in den Iran zurückkehren müssten. Die deutschen Behörden nähmen bei einer drohenden Abschiebung kaum noch Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit.



Der 31-jährige Dariush hat sich vor zwei Jahren bei einem Tauffest zum Christentum bekannt. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wohnt in einem Asylheim und weiß nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. Auch er habe in seinen Gebeten Ruhe und Kraft gefunden. "Als ich meinen Eltern von meiner Taufe erzählt habe, haben sie gedroht, mich umzubringen", sagt er. "Sie sagten, ich sei nicht mehr ihr Sohn." Der Iraner weiß nicht, ob seine Eltern vielleicht selbst bedroht werden. Von Freunden hat er erfahren, dass seine Schwester zu einem Verhör gebracht wurde.



Für Arpi und Dariush ist es schwieriger und gefährlicher geworden, eines Tages in ihr Heimatland zurückzukehren, denn nach dem offiziellen islamischen Recht dürfen Konvertiten von allen Muslimen getötet werden. Doch beide sind sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. "Ich bereue es keinen Tag, dass ich mich habe taufen lassen", sagt Arpi. "Endlich bin ich frei."



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17.6.2010