Politik-Journalist Kamann lobt kirchliche Diskussionen

Nachricht 09. Juni 2010

Rotenburg/Wümme (epd). Der leitende Berliner Politik-Journalist Matthias Kamann sieht in Kirchentags-Debatten "das Beste, was es in Deutschland an öffentlicher politischer Auseinandersetzung gibt". Diese oft stundenlangen Podiumsdiskussionen seien sachbezogen, fast nie persönlich, differenziert und erfüllt von Neugier und Wissensdurst, sagte der Redakteur der Tageszeitung "Die Welt" am Mittwoch vor dem Generalkonvent des Sprengels Stade in Rotenburg bei Bremen. Allgemein müsse sich die Kirche hüten vor ideologisch vorgetragenen Stellungnahmen.

Kamann betonte, aus der christlichen Botschaft folge, dass es eine unpolitische Kirche gar nicht geben könne. Sehr gefährlich werde es aber, wenn unter Berufung auf den Glauben die eigene Forderung als nicht angreifbar gesehen werde. Der Widerstand etwa gegen genmanipulierten Mais oder gegen die Atomkraft müsse in sich selbst gut begründet sein. "Er wird durch die Kirchen nicht besser."

Kamann lobte insbesondere die Arbeit der evangelischen Akademien beispielsweise im niedersächsischen Loccum. Sie seien Orte, an denen über politische Themen wie Afghanistan "so gründlich, uneitel und ergebnisoffen diskutiert wird wie sonst kaum". Unter Christen existiere offenbar eine Fairness in der Debatte, die sonst selten zu finden sei. Die Kirche habe das Potenzial, politische Diskurse anders und besser zu führen als fast alle anderen Verbände und Institutionen: "Und dieses Potenzial wird umso größer, je weniger man beansprucht, es besser zu wissen."

Der Geistliche Vizepräsident des Landeskirchenamtes, Arend de Vries, unterstrich die kirchliche Aufgabe, ein Forum für differenzierte Diskussionen zu bieten. "Manchmal muss man einseitig in Parolen formulieren, um gehört zu werden. Aber längerfristig reicht das nicht."

Stades neuer Landessuperintendent Hans Christian Brandy sagte in seinem ersten Bericht vor dem Generalkonvent, er wolle zehn Wochen nach seinem Dienstantritt noch keine Schwerpunkte setzen. "Ich will zuerst den Sprengel kennenlernen." Für die nächsten Jahre lägen ihm die Themen der Lutherdekade der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Herzen, zu denen beispielsweise Taufe und Kirchenmusik gehörten.

Der Generalkonvent ist die jährliche Vollversammlung der evangelischen Pastorenschaft der hannoverschen Landeskirche im Elbe-Weser-Raum. Dazu zählen etwa 320 Theologinnen und Theologen. Der Sprengel Stade umfasst elf Kirchenkreise mit rund 590.000 Gemeindemitgliedern. Damit gehört die Region zu den größten von insgesamt sechs Bezirken der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers.

Internet: www.sprengel-stade.de

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9.6.2010