Seelsorger unterstützen Polizisten in Krisen

Nachricht 28. Mai 2010

Von Dieter Sell (epd)

Bremen/Hamburg (epd). Auf dem Flur des Bremer Kommissariats für Wirtschaftskriminalität türmen sich die Umzugskartons: Material über ungelöste Fälle. Jede Kiste steht für massenweise Arbeit, die auf das knappe Personal zukommt. "Aktendruck" heißt das hier. Wie in der Hansestadt steigt überall der Stress in Kommissariaten und auf Revieren. Bei Demonstrationen und am Rande von Fußballspielen nimmt die Gewalt gegen Polizisten zu. Polizeipastoren wie der Bremer Peter Walther helfen dabei, seelisch einen Dienst zu verkraften, bei dem nicht klar ist, was in der nächsten Sekunde passiert.

Mit der zunehmenden Gewalt gegen die Polizei beschäftigt sich auch die Innenministerkonferenz, die am Donnerstag in Hamburg ihre Frühjahrstagung begonnen hat. "Viele Polizisten haben das Gefühl, sie machen die Drecksarbeit für den Staat und werden von der Politik alleingelassen", sagt Pastor Walther. Er ist Deutschlands dienstältester Polizeiseelsorger in der evangelischen Kirche und hat bundesweit etwa 60 haupt- und 150 nebenamtliche Kolleginnen und Kollegen.

"Ich und Polizeipastor? Absoluter Schwachsinn", war die spontane Reaktion des heute 60-Jährigen, als ihm das Amt vor 27 Jahren angetragen wurde. Der friedensbewegte Kasernen-Blockierer studierte in der heißen 68er-Phase Theologie, hat nie eine Uniform getragen und hielt rein gar nichts von Hierarchien. Dafür war es für ihn linke Ehrensache, Distanz zur Staatsgewalt zu halten. Mit seinen Klischees im Kopf traf er auf Beamte, die ihrerseits ein Bild im Kopf hatten und ihm zu verstehen gaben: "Eigentlich brauchen wir hier keinen Pastor."

Wenn Walther aber heute über das Gelände des zentralen Bremer Polizeipräsidiums geht, grüßt ihn fast jeder. Viele haben ihn im berufsethischen Unterricht, in Krisengesprächen, bei Seminaren oder in Einsätzen kennengelernt. Für manchen Uniformierten ist er zur wandelnden Klagemauer geworden. In den Gängen und auf der Straße sprechen ihn Polizisten an: "Du, Peter, Du kennst Dich doch aus." Dann weiß Walther, jetzt geht s gleich zur Sache.

"Jeder will, dass die Polizei immer da ist, aber keiner will, dass sich Polizisten erholen", sagt der Burn-out-Experte und Chefarzt der Oberbergklinik im Weserbergland, Hermann Paulus. "Im Schichtdienst mit zum Teil sehr kurzen Wechseln fehlt Erholungszeit. So sind Polizisten ständig unter Anspannung. Das gilt besonders für Einsätze mit ungewissem Ausgang unter der Belastung von Blaulicht und Martinshorn." Die Folgen sieht der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie bei den Beamten, die in seine Klinik kommen: Erschöpfung, Depressionen, kaputte Beziehungen, manchmal Alkoholmissbrauch.

Um dem vorzubeugen, begleitet Polizeipastor Walther auch große Einsätze wie im niedersächsischen Wendland, bei denen Polizisten abgebrannte Brennelemente ins atomare Zwischenlager nach Gorleben eskortieren sollen. Die Beamten handeln dabei in staatlichem Auftrag, aber gegen den Willen der Bevölkerung, die deshalb in den Einsatzkräften oft nicht den Schutzmann, sondern den Feind sieht - auch wenn die Polizisten möglicherweise selbst gegen Atomkraft sind. Walther hilft, Angst, Frust und aufkeimende Aggressionen zu sortieren. Er redet von "meinen Leuten" und macht aus der Nähe keinen Hehl. "Natürlich wünsche ich mir, dass die alle heil nach Hause kommen."

Der Vorsitzende der Konferenz Evangelischer Polizeipfarrerinnen und -pfarrer in Deutschland, Kurt Grützner, spricht von wachsender Spannung in der Gesellschaft, die die Beamten mitunter in ihrer Loyalität zum Staat auf die Probe stellt - wie in Gorleben. "Das ist nicht ungefährlich, wenn Polizisten daran zweifeln, ob gerecht ist, was sie an Recht durchsetzen müssen." Seelsorger vermittelten ein ethisches Gerüst, das dabei helfe, Widersprüche im täglichen Einsatz auszuhalten. "Polizisten sind ein Seismograph unseres sozialen Friedens", betont Grützner. "Es ist klug, auf sie zu hören."

Walther hat für "seine" Leute fast immer ein offenes Ohr, auch mitten in der Nacht, wenn sein Handy klingelt. Groß ist der Bedarf, Druck abbauen zu können - beispielsweise in Seminaren der Stiftung Deutscher Polizeibeamter Bremen unter dem Titel "Stress lass nach", die Walther leitet. Zu den Tagen gehören stramme Wanderungen, die dabei helfen, grausame Bilder von Streit, Unfällen und Tod wenigstens zeitweise aus dem Kopf zu bekommen. Die Seminare sind regelmäßig ausgebucht. "Uns darf nicht egal sein, was mit den Polizisten passiert", ist Walther überzeugt. "Wir müssen den Leuten einen Anker bieten."

Internet: www.polizeiseelsorge.de

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27.5.2010