Tacheles: Bischof Ulrich befürwortet Kritik an Kirche und Religion in Medien - Cem Özdemir sieht klischeehafte Darstellungen von Türken und Muslimen

Nachricht 27. Mai 2010

Hannover/Schleswig (epd). Der Schleswiger evangelische Bischof Gerhard Ulrich hat die Kritik an Religion und Kirche in den Medien befürwortet. "Unsere Freiheit lebt davon, dass wir Kritik aneinander üben", sagte Ulrich am Donnerstagabend bei der Aufzeichnung der evangelischen Fernseh-Talkshow "Tacheles" in der Marktkirche in Hannover: "Wir dürfen nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Wir müssen hineinschauen in den Spiegel."

Zur Berichterstattung über die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sagte der Bischof: "Es gibt falsches Verhalten von Menschen in einer Institution. Aber die Institution selbst dafür verantwortlich zu machen, halte ich für schwierig." Ulrich wertete die Berichterstattung darüber und auch über den Rücktritt der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, insgesamt als ausgewogen. Käßmann war Ende Februar wegen einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von ihren Ämtern zurückgetreten.

Der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir kritisierte in der Debatte zum Thema "Religion, Medien und Klischees" klischeehafte Darstellungen von Türken: "Sie werden reduziert darauf, ob sie Muslime sind oder nicht." Seien sie Muslime werde ihnen unterstellt, dass sie zu Zwangsehen oder Ehrenmorden bereit seien. Diese Klischees müssten aufgebrochen werden.

Auch der Buchautor Kay Sokolowsky beobachtet verzerrte Darstellungen von Muslimen in den Medien. Zwar berichteten viele Journalisten differenziert, aber andere suchten geradezu die Klischees. "Da beginnt das rassistische Ticket", sagte Sokolowsky. Muslime lebten seit 40 Jahren in größerer Zahl in Deutschland und in kleinerer Zahl schon viel länger: "Behandeln wir die Vertreter dieser Religion nicht so, als wären sie Exoten."

Der Herausgeber der "Welt", Thomas Schmidt, führte das Bild der Muslime in der Öffentlichkeit auf die Terroranschläge seit dem 11. September 2001 zurück: "Die Frage muss gestellt werden, warum viele Attentäter das unter dem Signum des Islam tun." Ebenso müsse gefragt werden, warum die Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche hätten stattfinden können.

Allerdings gebe es unter Journalisten eine Tendenz, Kirche und Religion als "Orte der Unaufgeklärtheit" zu sehen und sie mit Dunkelheit und Finsternis in Verbindung zu bringen, räumte Schmid ein: "Eine spöttische Haltung ist verbreitet." Auch in den Berichten über den Rücktritt Margot Käßmanns sei in einzelnen Fällen "ein Stück der üblichen Schadenfreude und Häme" durchgekommen.

Die einstündige Debatte wird am 30. Mai um 13 und 22.30 Uhr vom Fernsehsender "Phoenix" ausgestrahlt. Im Anschluss an die erste Sendung steht "Welt"-Herausgeber Schmid ab 14 Uhr unter www.evangelisch.de zum "Tacheles"-Chat bereit.

Internet: www.tacheles.tv

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27.5.2010