Experte sieht Kindertagesstätten als Wiege der Demokratie

Nachricht 19. Mai 2010

Visselhövede/Kiel (epd). Kindertagesstätten können nach Auffassung des Sozialpädagogen Rüdiger Hansen (52) zur Wiege der Demokratie werden, wenn die Kinder dort mitbestimmen dürfen. "Es geht nicht einfach darum, politisches Wissen zu vermitteln", sagte Hansen am Dienstag in einem Gespräch mit dem epd nach einem Fachtag der Diakonie im niedersächsischen Visselhövede bei Bremen. "Es geht um die Entwicklung politischer Persönlichkeiten." Möglichkeiten zur Mitbestimmung seien Kinderräte und eine Kinderverfassung, die festhalte, wer welche Rechte habe. Wo nicht beteiligt werde, "beginnt die politische Sozialisation im Absolutismus".



Beteiligung bedeute, Macht zu teilen, betonte Hansen, der in Kiel das Institut für Partizipation und Bildung leitet. "Kinder wollen wissen: Wer ist hier der Chef, wer ist der Bestimmer?" Nur wenn die pädagogischen Fachkräfte bereit seien, Entscheidungen mit den Kindern zu teilen, könnten sich Tagesstätten als demokratische Bildungsorte entwickeln. Sie müssten zudem jedes einzelne Kind dabei unterstützen, seine Rechte wahrzunehmen. Das könne besonders bei Autonomiefragen anstrengend werden. "Wenn die Kinder beispielsweise bestimmen wollen, was und wann sie essen wollen und was sie anziehen, wenn sie rausgehen."



In Kinderräten lernten Jungen und Mädchen, sich für die eigenen Belange und die der Gemeinschaft einzusetzen, bekräftigte der Kita-Experte. "Da geht es um die Kompetenz, eigene Interessen zu vertreten, sich in andere hineinversetzen zu können und es auch auszuhalten, wenn man sich nicht durchsetzen kann." Mitbestimmung koste Zeit, sei aber eine Investition in die Zukunft. "Später übernehmen die Kinder selbst mehr Verantwortung - die Erwachsenen sind dann nicht für alles zuständig."



Eine solche Haltung entwickele sich früh, sagte Hansen, der bereits Modellprojekte zur Partizipation in Kindergärten in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen begleitet hat. "Wie andere Bildungsinhalte kann sie nicht vermittelt, sondern nur durch Ausprobieren erworben werden." Es genügt aber nicht, Kindern Entscheidungsspielräume einzuräumen und sie damit alleine zu lassen, warnte der Pädagoge. Wer im Winter ohne Jacke raus wolle, müsse ausprobieren können, wie kalt es draußen sei. Hansen: "Ich sorge dann dafür, dass Handschuhe und Jacke griffbereit in der Nähe sind."



Internet: www.partizipation-und-bildung.de



epd lnb sel mil / 18. Mai 2010

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