Ringen um Vertrauen - 2. Ökumenischer Kirchentag in München beendet

Nachricht 17. Mai 2010

München/Hannover (epd). Mit Aufrufen zu Zusammenhalt und Zuversicht ist am Sonntag der 2. Ökumenische Kirchentag in München zu Ende gegangen. Trotz nasskaltem Wetter versammelten sich rund 100.000 Gläubige zum Schlussgottesdienst unter freiem Himmel auf der Theresienwiese. Der katholische Kirchentagspräsident Alois Glück rief die Christen auf, nicht zu resignieren und sich auch angesichts der Vertrauenskrise nach den zahlreichen Missbrauchsfällen weiter in der Kirche zu engagieren.



Nach Auffassung der Veranstalter brachte der Kirchentag unter dem Motto "Damit ihr Hoffnung habt" wichtige Impulse für das Zusammenrücken der Konfessionen. Mehr als 160.000 Menschen besuchten das zweite Großtreffen von Protestanten und Katholiken nach dem 1. Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin.



Glück sagt mit Blick auf die Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen: "Wir leiden an unserer Kirche, wir leiden mit unserer Kirche. Aber sie ist weiter unsere Kirche." Die katholische Kirche sei in einer schweren Vertrauenskrise, konstatierte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Bischöfin Rosemarie Wenner von der Evangelisch-methodistischen Kirche äußerte in dem Gottesdienst "Scham und Erschrecken" über die Missbrauchsfälle.



Die Vertrauenskrise der Kirchen und die Diskussion über sexuellen Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen hatten den fünftägigen Kirchentag bis zum Schluss intensiv beschäftigt. Die Veranstaltungen zu den Missbrauchsfällen haben nach Ansicht der gastgebenden Bischöfe zur Versachlichung beigetragen. Der Münchner katholische Erzbischof Reinhard Marx sagte, es werde anerkannt, "dass wir bei diesem Thema auf Aufklärung und Aufarbeitung setzen".



Nach Einschätzung der evangelischen Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär geht es in der Missbrauchsdebatte um die "Glaubwürdigkeit von Kirche". Das Thema lasse sich nicht auf die römisch-katholische Kirche begrenzen, sagte Ueberschär in einem epd-Interview.



Marx und der bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich zogen eine insgesamt positive Bilanz des Christentreffens, das am Mittwochabend eröffnet worden war. Nach Einschätzung Friedrichs hat der Kirchentag Protestanten und Katholiken näher zusammengebracht. Der evangelische Theologe hält auch Fortschritte in der Frage des gemeinsamen Abendmahls für möglich. In diesem Fall könnten Eheleute unterschiedlicher Konfession gemeinsam zur katholischen Eucharistiefeier eingeladen werden. Am Rande des Kirchentags demonstrierten Gläubige am Samstagabend mit einer Menschenkette in der Münchner Innenstadt für ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten.



Ob es nach 2003 in Berlin und dem Treffen in München einen 3. Ökumenischen Kirchentag geben wird, ist noch nicht entschieden. Zu dieser Frage äußerten sich die Bischöfe Marx und Friedrich in einem gemeinsamen Interview des Evangelischen Pressedienstes (epd) und der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zurückhaltend positiv. Friedrich sagte, darüber wolle man erst nach den Erfahrungen des Münchner Ökumenischen Kirchentages reden. Er persönlich denke, "dass viel für einen 3. Ökumenischen Kirchentag spricht".



Der evangelische Kirchentagspräsident Eckhard Nagel hatte das Christentreffen bereits am Sonnabend als "großen Erfolg" gewertet. Der Kirchentag habe der Ökumene "ein neues Gesicht" gegeben. Auch der katholische Kirchentagspräsident Glück sprach von einem "großartigen ökumenischen Ereignis".



Nagel sagte, vor allem der orthodoxe Vespergottesdienst an 1.000 Tischen in der Münchner Innenstadt habe Geschichte geschrieben. Daran hatten am Freitagabend rund 20.000 evangelische, katholische und orthodoxe Christen teilgenommen.



Die katholische Kirche kündigte an, einen Reflexionsprozess unter dem Titel "Kirche und öffentliches Leben" zu starten. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, die in München erstmals seit ihrem Rücktritt im Februar wieder öffentlich auftrat, forderte die Kirchen auf, ihre Fehler einzugestehen. Nur dann könnten sie zum "Hoffnungszeichen in der Welt" werden.



Bei den etwa 3.000 Veranstaltungen des Kirchentags fanden auch Diskussionsrunden zu aktuellen politischen Themen wie Wirtschafts- und Finanzkrise und soziale Gerechtigkeit besondere Aufmerksamkeit. Zu den 130.000 Dauerteilnehmern des Christentreffens kamen an den drei Veranstaltungstagen noch jeweils rund 11.000 Gäste hinzu.




epd lnb bas mil / 17. Mai 2010

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