Ernste Diskussionen und gemeinsames Brotbrechen - 2. Ökumenischer Kirchentag mischt altbewährte Formen mit neuen Wegen

Nachricht 16. Mai 2010

München/Hannover (epd). Dem Himmel besonders nahe waren die Christen unterschiedlicher Konfessionen beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München, der am Sonntag mit einem großen Freiluft-Gottesdienst auf der Theresienwiese endete. Immer wieder gingen sorgenvolle Blicke der Veranstalter und der mehr als 160.000 Kirchentagsbesucher zu den grauen, regenschweren Wolken. Denn in guter Kirchentagstradition fanden die zentralen Veranstaltungen unter freiem Himmel statt. Das Wetter spielte immerhin so weit mit, dass alles planmäßig über die Bühne gehen konnte.

Bereits mit dem zentralen Eröffnungsgottesdienst auf der Theresienwiese, ansonsten Schauplatz des Oktoberfestes, gaben die gastgebenden Bischöfe Reinhard Marx (katholisch) und Johannes Friedrich (evangelisch) die ökumenische Richtung für die mehr als 3.000 Kirchentagsveranstaltungen vor: Im Dialog hielten sie ihre gemeinsame Predigt.

Die ökumenische Grundausrichtung führte die Kirchentagsbesucher an ungewohnte Orte: Evangelische Christen beteten in orthodoxen Kirchen, Katholiken saßen auf der Empore der evangelischen Dekanskirche St. Markus, und die lutherische Theologin Margot Käßmann, deren Auftritte allesamt in überfüllten Kirchen und Hallen stattfanden, sprach in der ehrwürdigen Frauenkirche, dem katholischen Münchner Dom. Ihre gerade in dieser Umgebung provokante Aussage, dass die "Pille" auch als "Geschenk Gottes" gesehen werden könnte, wurde mit viel Beifall aufgenommen. 

In einer nüchternen Halle auf dem Messegelände wollten 6.000 Menschen die Bibelarbeit der Theologin hören, die nach Alkoholfahrt und Rücktritt vom Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland beim Kirchentag zum ersten Mal wieder öffentlich auftrat. Neben der bewährten Kirchentags-Routine, den Pfadfindern in Kluft als gestrenge Türwächter vor überfüllten Hallen, den Auftritten großer Theologen wie Jürgen Moltmann oder Hans Küng sowie von Politikern aller Parteien, angeführt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ging der Kirchentag auch neue Wege. 

Auf große Resonanz stießen die noch nachträglich ins Programm gerückten Veranstaltungen zu den Missbrauchsfällen, bei denen die große Betroffenheit vieler Menschen deutlich wurde: Die Reaktionen des Publikums reichten von Buh-Rufen bis zu frenetischem Applaus. Weitsicht bewiesen die Kirchentagsplaner bei der Auswahl einzelner Veranstaltungsorte: Das Podium zu Frieden und Sicherheit und die Debatten zu der erstarrten, festgefahrenen Situation in Afghanistan fanden im Olympia-Eisstadion statt. # Ganz neue Formen religiöser Feiern verdankte der Kirchentag den Orthodoxen. Die orthodoxe Vesper vor rund 20.000 Menschen auf dem Odeonsplatz zur Halbzeit des Kirchentags war ein spiritueller Höhepunkt. Nach der Feier nach orthodoxem Ritus saßen an 1.000 Tischen friedlich vereint Katholiken, Protestanten und Katholiken, katholische Priester und evangelische Bischöfe in Zivil nebeneinander und aßen geweihtes Brot.

Für ein zwischen Katholiken und Protestanten derzeit nicht mögliches gemeinsames Abendmahl warb gegen Ende des Kirchentags eine Menschenkette, die die beiden Münchner Bischofskirchen miteinander verband. Geglückt ist immerhin schon der musikalische Brückenschlag: Zum ersten Mal gaben die Chöre der Bischofskirchen (der evangelische Motettenchor und der katholische Domchor) ein gemeinsames Konzert in der Frauenkirche.

Fünf Tage lang bestimmten die Kirchentagsbesucher mit ihren orangenen Halstüchern, dem Markenzeichen des Kirchentags, das Bild in den Hallen und Kirchen - und in der Münchner U-Bahn. Eingerahmt waren die Konzerte und Gottesdienste, die Podien zur Zukunft der Kirche, den drängenden Problemen der Finanzmärkte und der Pflegeversicherung, Umweltschutz und Klimaerwärmung vom stimmungsvollen Gottesdienst zur Eröffnung und zum Abschluss. Wie zu Beginn hatte auch zum Abschluss der Himmel wenigsten ein Stück weit ein Einsehen - und öffnete seine Schleusen nur für einen feinen Nieselregen.

Ein erstes Fazit der beiden Kirchen fiel positiv aus. Deshalb stehen die Chancen gut, dass es nach München und Berlin 2003 zu einem 3. Ökumenischen Kirchentag kommt. Offen ist allerdings, ob die Ökumene ausgerechnet im geschichtsträchtigen Jahr 2017, zum 500. Reformationsjubiläum, wieder mit einem Kirchentag gefeiert oder ein anderes Datum gefunden wird.

epd lnb bas mil/16.5.2010
Von Achim Schmid (epd)
Copyright www.epd-niedersachsen-bremen.de