Kirchen wollen Vertrauen zurückgewinnen - Veranstalter mit Ökumenischem Kirchentag zufrieden

Nachricht 15. Mai 2010

München/Hannover (epd). Der Ökumenische Kirchentag in München hat am Sonnabend intensiv über die aktuelle Vertrauenskrise der Kirchen debattiert. Die katholische Kirche kündigte an, einen Reflexionsprozess unter dem Titel "Kirche und öffentliches Leben" zu starten. Schon vor Abschluss am Sonntag werteten die Organisatoren das fünftägige Christentreffen als Erfolg. Der 2. Ökumenische Kirchentag zählte bei etwa 3.000 Veranstaltungen rund 127.000 Dauerteilnehmer.

Matthias Kopp, Sprecher der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, sagte dem epd, für den Reflexionsprozess sei eine Arbeitsgruppe aus drei Bischöfen eingesetzt worden. Er solle im Sommer starten und der Selbstvergewisserung dienen. Einem Vertreter der deutschen Bischofskonferenz zufolge, den das Magazin "Spiegel" zitiert, geht es um die komplette "Überprüfung des Verhältnisses der Kirche zum gesellschaftlichen und staatlichen Leben in Deutschland". Der Trierer Bischof Stephan Ackermann sagte laut "Spiegel", eine Diskussion über den Zölibat sei gegenwärtig auch unter den Bischöfen kein Tabuthema, die Kirche brauche nun "Glaubwürdigkeit statt Scheinheiligkeit".

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, sagte in München, auch die Institution Kirche müsse sich der Verantwortung für ihr Tun und Lassen bewusst sein. Damit Menschen, die durch Misshandlungen in der Kirche und deren Vertuschung verstört sind, wieder neues Vertrauen finden, sei Umkehr durch Barmherzigkeit geboten.

Hubers Nachfolgerin Margot Käßmann sagte: "In der römisch-katholischen Kirche wurde deutlich, dass eine Lehre von der Kirche, die den Schutz der Institution über den Schutz der Opfer stellt, gerade kein Hoffnungszeichen ist." Nur durch das Eingestehen eigener Fehler könnten die Kirchen zum "Hoffnungszeichen für die Welt" werden. Ausdrücklich bezog die frühere hannoversche Landesbischöfin ihre eigene Person in diesen Appell mit ein. Käßmann war im Februar nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von allen kirchlichen Leitungsämtern zurückgetreten.

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sagte, das Treffen in München sei kein "Kirchentag der Euphorie" gewesen. Das Thema Missbrauch sei angesprochen worden, habe das Christentreffen aber nicht verdüstert. 

Die Generalsekretäre des Kirchentags, Ellen Ueberschär vom evangelischen Kirchentag und Stefan Vesper vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), äußerten sich in epd-Interviews über die Behandlung der aktuellen Missbrauchsfälle bei dem Christentreffen zufrieden und kündigten weitere Unterstützung für Betroffene durch kirchliche Beratungsstellen an. Bei den Veranstaltungen habe es nur eine Störung gegeben, "und die war sehr gezielt provoziert", sagte Vesper. Ueberschär sagte, das Thema Missbrauch lasse sich nicht auf die römisch-katholische Kirche begrenzen. Es gehe in der aktuellen Debatte um die "Glaubwürdigkeit von Kirche".

Der katholische Kirchentagspräsident Alois Glück sagte, von der Großveranstaltung in München werde "ein zusätzlicher Schub ausgehen für die Ökumene". "Wir haben gehofft, die Ökumene bekomme ein neues Gesicht. Und der 2. Ökumenische Kirchentag hat ihr ein neues Gesicht gegeben", sagte Glücks evangelischer Kollege Eckhard Nagel.

Der amtierende EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider äußerte sich überzeugt, dass in München nicht der letzte Ökumenische Kirchentag stattgefunden hat. 2003 hatten Protestanten und Katholiken erstmals gemeinsam zu einem Kirchentag eingeladen, damals nach Berlin. Eine Vereinbarung über einen 3. Ökumenischen Kirchentag gibt es noch nicht. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) brachte in einem Gastbeitrag für die "Bild am Sonntag" einen gemeinsamen Kirchentag von Christen und Muslimen ins Gespräch.

Geistliche, Politiker und Prominente nahmen am Samstagmorgen die Bibelarbeiten zur Schilderung des Jüngsten Gerichts zum Anlass, aktuelle Missstände zu kritisieren. "Wer allein den wirtschaftlichen Erfolg zählen lässt, beteiligt sich an der Zerstörung der Lebensgrundlagen und macht sich schuldig", sagte der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker. Der CSU-Politiker Günther Beckstein warnte vor einer weiteren Verschuldungspolitik, die kommende Generationen belaste. Theaterregisseur Jürgen Flimm kritisierte die Weigerung einiger deutscher Bundesländer, ehemalige Guantánamo-Häftlinge aufzunehmen.

epd lnb bas mil/15.5.2010
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