Ökumenischer Kirchentag eröffnet

Nachricht 12. Mai 2010

München/Hannover (epd). Katholiken und Protestanten haben in München mit mehreren Gottesdiensten den 2. Ökumenischen Kirchentag feierlich eröffnet. Leitende Theologen und Politiker nahmen in Predigten und Grußworten Bezug auf die aktuelle Vertrauenskrise der Kirchen und verwiesen auf das Kirchentagsmotto "Damit ihr Hoffnung habt". Papst Benedikt XVI. verurteilte in einem Grußwort erneut sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, trat in München erstmals seit ihrem Rücktritt wieder an die Öffentlichkeit.

Die Bischöfe der gastgebenden Kirchen, der evangelische bayerische Landesbischof Johannes Friedrich und der katholische Münchner Erzbischof Reinhard Marx, hielten beim zentralen Eröffnungsgottesdienst am Mittwochabend auf der Theresienwiese eine Dialogpredigt. Friedrich sagte, die christliche Hoffnung gebe Halt in einer von Unsicherheiten geprägten Welt und überwinde menschliche Not. Erzbischof Marx hob die Aufgabe der Kirche hervor, den Menschen Sicherheit zu geben. Deshalb wiege es "umso schwerer", dass kirchliche Amtsträger die Hoffnung von Menschen enttäuscht hätten.

Papst Benedikt XVI. rief die Christen dazu auf, sich trotz der Missbrauchsfälle weiter in der Kirche zu engagieren. Die Fälle, die in den vergangenen Monaten bekannt geworden seien, drohten die Freude an der Kirche und die Hoffnung zu "verdunkeln", so Benedikt. Das Kirchenoberhaupt sprach in seinem von Erzbischof Marx verlesenen Grußwort davon, dass es "Unkraut" gerade auch inmitten der Kirche unter denen gebe, die Gott in besonderer Weise in seinen Dienst genommen habe. Zugleich äußerte sich Benedikt zuversichtlich, dass das Licht Gottes nicht untergegangen sei. Der Papst hält sich derzeit zu einem viertägigen Besuch in Portugal auf.

Bereits einige Stunden vor Beginn des Kirchentags trat Margot Käßmann erstmals nach ihrem Rücktritt als Ratsvorsitzende EKD wieder öffentlich auf. In einer Buchhandlung im Münchner Stadtzentrum stellte sie ihr Buch "Das große Du - Das Vaterunser" vor. Vor drei Monaten hatte Käßmann nach einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss im Februar alle kirchlichen Leitungsämter niedergelegt. Käßmann sagte vor rund 300 dicht gedrängten Besuchern, das Nachdenken über das Vaterunser passe gut an den Anfang eines Ökumenischen Kirchentages: "Es erinnert daran, dass uns Christen mehr gemeinsam ist als uns trennt."

Bundespräsident Horst Köhler appellierte in einem Grußwort an evangelische und katholische Christen, sich nicht mit einem Nachlassen des ökumenischen Schwungs abzufinden. "Dieser Ökumenische Kirchentag kommt genau zur rechten Zeit", sagte Köhler laut Redemanuskript mit Blick auf die Vertrauenskrise, der die Kirche gegenwärtig ausgesetzt sei. "Führungsversagen, Missbrauch, Misshandlung - all das hat zu einer schweren Krise geführt", sagte das Staatsoberhaupt und mahnte zu Aufklärung und Zuwendung zu den Opfern. Unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals dürfe allerdings nicht vergessen werden, "wie viel Gutes durch gläubige Menschen getan wird".

Von offizieller Seite wird es beim 2. Ökumenischen Kirchentag kein gemeinsames Abendmahl von Protestanten und Katholiken geben. Außerhalb des offiziellen Programms will die Reformbewegung "Wir sind Kirche" am Samstagabend einen "inoffiziellen" ökumenischen Abendmahl-Gottesdienst abhalten. "Alle, ob katholisch oder evangelisch, sind herzlich eingeladen", heißt es in der Einladung. Die Predigt hält der Kirchenkritiker Gotthold Hasenhüttl. Der Theologieprofessor hatte am Rande des 1. Ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin gegen geltendes katholisches Kirchenrecht evangelische Christen zur Kommunion eingeladen. Daraufhin wurde er vom Priesteramt suspendiert. Drei Jahre später folgte der Entzug seiner kirchlichen Lehrerlaubnis.

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), Friedrich Weber, forderte in einem der drei Eröffnungsgottesdienste eine Allianz des Friedens gegen den Terrorismus. Diese dürfe nicht nur auf das Christentum beschränkt sein, sondern müsse die "Gläubigen und Frommen im Islam und im Judentum ebenfalls einladen", sagte Weber, der auch braunschweigischer evangelischer Landesbischof ist.

Unter dem Leitwort "Damit ihr Hoffnung habt" finden in München bis Sonntag rund 3.000 Veranstaltungen statt. 2003 hatten Protestanten und Katholiken erstmals gemeinsam zu einem Kirchentag eingeladen, damals nach Berlin. Von den rund 125.000 angemeldeten Dauerteilnehmern in München sind nach Angaben der Veranstalter knapp 58 Prozent evangelisch und knapp 40 Prozent katholisch. 58 Prozent der Teilnehmer sind Frauen. Besonders stark vertreten sind Schüler und Studenten mit einem Anteil von 38 Prozent. Neun Sonderzüge brachten Besucher aus ganz Deutschland nach München. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte wegen einer Erkrankung seine Termine auf dem Kirchentag ab.

epd lnb bas mil/12.5.2010
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