Käßmann kehrt auf die öffentliche Bühne zurück - Großer Andrang bei Signierstunde vor Kirchentagseröffnung

Nachricht 12. Mai 2010

München/Hannover (epd). Mit einem Lächeln bahnt sie sich den Weg durch die Menge. Drei Monate lang hatte sich Margot Käßmann nach ihrem Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nun steht sie erstmals wieder im Rampenlicht. Im schwarzen Kostüm mit weißem Saum und einer schwarzen Kette um den Hals präsentiert sie kurz vor Beginn des 2. Ökumenischen Kirchentages in München ihr neues Buch "Das große Du - Das Vaterunser".

Rund 300 Menschen drängen sich am Mittwochnachmittag in der dritten Etage einer Buchhandlung im Stadtzentrum, um sich ein Exemplar des Buches signieren zu lassen und das "Comeback des Jahres" zu erleben, wie eine Zeitung geschrieben hatte. Einige haben sich schon eine Stunde vor Beginn der Autogrammstunde in die Schlange eingereiht. Und wie bei ihrem Rücktritt ist auch das Medieninteresse riesig: Kamerateams haben sich vor der früheren hannoverschen Landesbischöfin aufgebaut, und ein langes Blitzlichtgewitter prasselt auf sie ein, als sie den schmalen Band mit 84 Seiten und einem lila Umschlag in die Kameras hält. 

"Ich finde es großartig, dass wir nun schon im dritten Jahrtausend dieses Gebet weiterbeten", sagt Käßmann sichtlich entspannt. "Es umfasst alles, was wir uns von Gott erhoffen dürfen." Sie erzählt von der Trauerfeier für den verstorbenen Fußball-Torwart Robert Enke vor einem halben Jahr in Hannover. Viele Menschen, die sonst nicht beten, hätten in das Vaterunser eingestimmt. Und sie schildert die politische Dimension des Gebets: "Ich kann nicht beten 'Unser täglich Brot gib uns heute' und gleichzeitig vergessen, dass Millionen Menschen in der Welt hungern."

Käßmann war am 24. Februar von allen kirchlichen Ämtern zurückgetreten und zog damit die Konsequenz aus einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss. Ihr neues Buch enthält auch einige Passagen zum Thema Schuld und Vergebung. "Es gibt kein schuldfreies Leben ohne jeden Bruch, wir können unser Leben nicht selbst rechtfertigen, indem wir meinen, es sei makellos", schreibt die 51-Jährige. Und später heißt es: "Welche Unfreiheit erleben Menschen, die sich in Hass und Beschuldigungen anderer verlieren." Den Text für das Buch hatte die Theologin bereits vor ihrem Rücktritt verfasst. Zum Rücktritt selbst verliert sie bei der Signierstunde kein Wort.

Die pensionierte Gymnasiallehrerin Monika Schulze hat sich als eine der ersten eine Unterschrift von Käßmann geholt. "Wir hier in München verehren sie sehr, wir haben mit ihr gelitten, und jetzt sind wir stolz auf sie", erzählt die Frau, die sich in der evangelischen Kirche engagiert. "Ich habe ihr Gottes Segen gewünscht." Einige aus ihrer Gemeinde hätten geweint, als sie von dem Rücktritt hörten. "Das war doch endlich mal eine Frau an der Spitze." Mit dem Rücktritt habe Käßmann ungeheuren Mut bewiesen. "Jetzt ist sie stärker als zuvor. Ich glaube, ein Mann hätte das nicht gemacht."

Auch Horst Thiel aus Bad Driburg bei Paderborn hat ein signiertes Exemplar des Buches ergattert. "Ich finde ihre Haltung großartig, vor allem gegenüber dem Verhalten der alten Herren in der katholischen Kirche", sagt der 66-jährige frühere Lehrer für Physik und Chemie, der selbst katholisch ist. "Sie hat argen Mist gebaut mit ihrer Autofahrt. Aber sie war konsequent und charmant."

Als die Fotografen ihre Arbeit beendet haben und die Kamerateams ihre Kabel wegräumen, animiert Käßmann die Besucher zum Singen und fragt nach einem Lied, das zum Kirchentag passt. Einer stimmt an. Und schließlich singen die Menschen auf der gesamten dritten Etage der Buchhandlung den alten Choral "Sonne der Gerechtigkeit". 

Internet: www.lvh.de

Hinweis: Margot Käßmann, Das große Du - Das Vaterunser, Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2010, 84 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-7859-1002-3

von Michael Grau (epd), München 12.5.2010