Brötchen statt Oblaten am Altar - Ehemalige Garnisonskirche in Hann. Münden wird Frühstückscafé

Nachricht 20. April 2010

Von Jan Fragel (epd)



Hann. Münden/Kr. Göttingen (epd). Lilien blühen prächtig in einer Glasvase, Kerzen brennen, eine zarte weinrote Tischdecke ist auf dem steinernen Altar ausgebreitet und Geschirr steht bereit: In der St.-Aegidius-Kirche in Hann. Münden bei Göttingen sieht es fast so aus, als ob ein Pastor die Gemeinde gleich zum Abendmahl erwartet. Aber nur fast. Denn Denkmalschützer und Hotelier Bernd Demandt (44) wird in dem 2006 entwidmeten Gotteshaus am 1. Mai ein Café eröffnen.



Demandt und seine Mitarbeiterin wollen dann täglich Frühstücks- und Kaffeegäste begrüßen, die auch am Altar Platz nehmen können. Die Aegidienkirche gehört zu den 97 Kirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die seit 1990 verkauft wurden. 41 wurden nach Angaben der EKD umgewidmet und 46 abgerissen.



Demandt bezeichnet sich als "Denkmal-Aktivist": Für ihn erzählen historische Gebäude Geschichten, die weiter gesagt werden sollten. Mit viel Liebe zum Detail hat er daher die Kirche seit Januar umgebaut und 50.000 Euro investiert. Den ursprünglichen kirchlichen Charakter und die Botschaft des Gebäudes aus dem 13. bis 14. Jahrhundert möchte er unbedingt erhalten. Die Kirche sei zwar entwidmet worden, aber: "Ich möchte sie nicht entweihen."



Darum werde es im "Café Aegidius", so der neue Name, auch "keine Saufgelage" geben. "Nur ein Glas Sekt oder Bier werden wir ausschenken", sagt Demandt. Denn auf diese Einnahmen könne auch er nicht verzichten. Schließlich möchte er die ehemalige Kirche in Zukunft auf eigene Kosten weiter sanieren und ausbauen. Er plant zum Beispiel, im Glockenturm aus dem 18. Jahrhundert irgendwann einmal ein Hotelzimmer einzurichten.



Zudem berge die Kirche noch weitere Schätze. Sie zu heben, koste viel Geld. Demandt deutet auf die Orgelempore. "Dort haben wir Graffiti aus der Barockzeit entdeckt und freigelegt." Die Zeichnungen sollen zu sehen bleiben. Auch im Chor ist ein kleiner Teil einer Schablonenmalerei aus dem 19. Jahrhundert zu erkennen. Die meisten Entdeckungen habe er aber wieder mit Lehmfarbe und -putz verdeckt, "damit sie keinen Schaden nehmen". Noch fehle ihm das Geld, um die historischen Zeugnisse fachgerecht zu restaurieren. Die Besucher wolle er aber mit Fotos und Broschüren über den Fortgang informieren.



Am Altar, der probeweise mit Frühstücksgeschirr und Blumen dekoriert ist, wacht eine 3,50 Meter hohe Jesusfigur aus Holz. Die Skulptur hat Demandt aus der benachbarten St.-Blasius-Kirche geschenkt bekommen. Die ehemals weißen Wände wurden mit einer dunkelroten Lehmfarbe gestrichen. Im Kirchenschiff werden die Gäste auf den alten Kirchenbänken sitzen. Es soll Platz für 150 Personen geben.



"Die meisten Mündener freuen sich auf das Café in ihrer ehemaligen Kirche", sagt Demandt, der das Gebäude 2008 für einen symbolischen Betrag von zwei Euro übernommen hat. Echte Kritiker gebe es kaum. "Schon jetzt werden die Leute ganz leise, wenn sie sich auf der Baustelle umsehen." Eine gewisse Ehrfurcht herrsche noch immer.



Die hannoversche Landeskirche und der Kirchenkreis Münden waren mit dem neuen Konzept einverstanden. "Es gab keine Bedenken", sagt Superintendent Thomas Henning. Eine Spielhalle oder eine Diskothek wären dagegen nicht möglich gewesen. Henning ist froh, dass das Gebäude als Kirche erkennbar bleibt. "Das ist für die Stadt ein Gewinn." Entwidmung und Kauf seien öffentlich und transparent diskutiert worden, was möglicherweise auch zur Akzeptanz in der Bevölkerung beigetragen habe: "Es gibt bestimmt noch Menschen, die der Kirche nachtrauern, aber zumindest bleibt sie ein Ort, an dem sich Menschen treffen können."



Ab 1. Mai ist das "Café Aegidius" in Hann. Münden täglich von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Am 30. April ist ein Tag der offenen Tür geplant.



Internet: www.fahrrad-hotel.de www.hann.muenden.de




epd lnb fra mil / 20. April 2010

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