Überlebende des Lagers Bergen-Belsen zeigen 65 Jahre nach der Befreiung persönliche Erinnerungsstücke

Nachricht 16. April 2010

Bergen-Belsen/Kr. Celle (epd). Shaul Ladany war acht, als er ein halbes Jahr lang die Hölle von Bergen-Belsen durchlitt. "Das war eine kurze Zeit, aber es ist ein großer Teil meines Lebens", sagt der 74-Jährige. Mit fast 200 weiteren Überlebenden und mehr als 100 ihrer Angehörigen ist er zu Gedenkfeiern am 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers nach Niedersachsen gekommen.

Mit 13 begann Ladany Erinnerungsstücke an Bergen-Belsen zu sammeln. Für die Ausstellung "Überlebenszeichen", die am Donnerstag in der KZ-Gedenkstätte bei Celle eröffnet wurde, hat der Professor für Wirtschaftsingenieurwesen aus Israel ein Stück aus seiner Sammlung ausgewählt: eine Postkarte mit einer Zeichnung des jüdischen Mädchens Anne Frank. Ladany hat die in limitierter Auflage erschienene Karte vor Jahren in Holland entdeckt.

Als britische Truppen das Lager Bergen-Belsen am 15. April 1945 befreiten, waren dort rund 20.000 Kriegsgefangene und mehr als 50.000 Häftlinge des Konzentrationslagers ermordet worden und an Seuchen, Hunger und Durst zugrunde gegangen. Unter ihnen war auch Anne Frank, die durch ihr Tagebuch weltbekannt wurde. "Sie ist eines der berühmtesten Symbole für den Holocaust, deshalb habe ich ihr Bild ausgewählt", sagt Shaul Ladany. 

Einige Exponate der Ausstellung stammen unmittelbar aus der Zeit nach der Befreiung, andere entstanden viel später. Arieh Koretz hat zur Eröffnung aus Israel ein Gebetbuch mitgebracht. Als Jugendlicher hielt er das Buch, Gebetsriemen und einen Gebetsmantel im Konzentrationslager 20 Monate lang versteckt. Eine Zeit lang verbarg er darin noch sein Tagebuch, das er heimlich führte. 

"Ich habe das die ganze Zeit bewahrt wie meinen Augapfel", sagt der 81-Jährige. "Wenn Sie aber fragen, ob ich gebetet habe, muss ich sagen, das ging gar nicht. Wir waren verdreckt und verschmutzt, alles war verdreckt." Vor allem in den letzten Monaten vor der Befreiung herrschten in dem völlig überfüllten Lager katastrophale hygienische Zustände. Hunger, Durst und Seuchen rafften die Menschen dahin.

Shaul Ladany hat noch eine weitere Sammlung, die er wie die über Bergen-Belsen bis heute fortführt. Sie widmet sich dem Attentat an der israelischen Olympiamannschaft 1972 in München. Der Leichtathlet, der damals als Geher erfolgreich war, gehörte unter den israelischen Sportlern zu der Minderheit, die entkommen konnte. 

Ladany und seine Eltern konnten auch der Hölle des NS-Terrors entrinnen. Mehr als 50 seiner Verwandten sind jedoch umgekommen, erzählt er. Vielleicht sammele er, weil er überlebt habe, sagt Ladany. "Vielleicht weil ich die Geschichte an die nächsten Generationen weitergeben will. Vielleicht - aber ich weiß es nicht und will auch gar nicht nach der richtigen Antwort suchen."

Seine Tochter Danit Ladany-Sharifi, die ihn nach Deutschland begleitet, will das Erbe ihres Vaters bewahren. Ihr sei es wichtig, zu erfahren, was er durchlitten habe, und viele Menschen davon wissen zu lassen, sagt die 38-Jährige: "In ein paar Jahren werden keine Überlebenden mehr da sein. Dann müssen wir die Erinnerung weitergeben." Shaul Ladany erzählt von einem Bild, auf das er zu Hause täglich blickt. Ein Mithäftling habe es bald nach der Befreiung seinem Vater geschenkt. Das Aquarell zeigt die Baracken, den Zaun und die Wachtürme. Darunter steht: "Vergiss weder Bergen-Belsen noch uns."

Um die Glasvitrinen in der Gedenkstätte drängen sich bei der Eröffnung die Menschen. Die Sonderausstellung zeigt kaum mehr als 20 Bilder, Texte und Objekte, die Überlebende zur Verfügung gestellt haben. Dennoch sei sie wichtig, sagte der Leiter der Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten, Habbo Knoch: "Sie zeigt Zeichen des individuellen Triumphs." Die Erinnerungsstücke verkörperten auch so etwas wie den Sieg über die Absicht der Nationalsozialisten, "mit den Menschen auch ihre Geschichte auszulöschen".

Internet: www.bergen-belsen.de

Von Karen Miether (epd) epd lnb mir mil/16.4.2010
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