Susanne Jäger wird in das seltene Amt einer evangelischen Äbtissin eingeführt

Nachricht 07. April 2010

Von Karen Miether (epd)


Hankensbüttel/Kr. Gifhorn (epd). Für Äbtissin Susanne Jäger ist der gotische Kreuzgang, der den stillen Innenhof des evangelischen Klosters Isenhagen umschließt, ein besonderer Ort. "Das ist wie eine ganz andere Welt", sagt die 54-Jährige. Seit gut einem halben Jahr lebt sie in dem Frauenkloster bei Hankensbüttel im Landkreis Gifhorn, das auf eine Gründung der Zisterzienser von 1243 zurückgeht. Am Sonnabend wird sie in einem Gottesdienst offiziell in ihr Leitungsamt eingeführt, das in der evangelischen Kirche Seltenheitswert hat.



Nirgendwo in Deutschland ist die Tradition der evangelischen Klöster lebendiger als in Niedersachsen mit 22 Klöstern und Stiften. Die meisten von ihnen gingen aus katholischen Ordensgründungen hervor. Die sechs Lüneburger Klöster, zu denen Isenhagen gehört, beherbergen bis heute Gemeinschaften von Frauen.



Zwar gelten dort schon lange keine strengen Ordensregeln mehr. Dennoch atmet der Backsteinbau Geschichte. Isenhagen wurde 1265 zum Nonnenkloster und 1540 zu einem evangelischen Damenstift. "Der Orden, den ich bei der Einführung bekomme, wird von Äbtissin zu Äbtissin weitergereicht", sagt Susanne Jäger. Sie selbst wird die 39. Frau sein, die ihn trägt. Für die Leitung des Klosters, in dem sie zurzeit gemeinsam mit fünf weiteren Frauen wohnt, wurde sie hauptberuflich von der Klosterkammer Hannover angestellt.



Die evangelischen Klöster interessierten die studierte Diplom-Bibliothekarin schon länger. "Ich wollte meinem Leben noch einmal eine ganz andere Richtung geben", sagt die geschiedene Mutter zweier erwachsener Söhne. Zuletzt leitete sie acht Jahre lang den Fachdienst für Bildung, Familie, Kultur und Sport in Clausthal-Zellerfeld im Harz.



"Es ist aber ein Klischee, dass das Leben im Kloster ruhig und weltabgewandt ist", betont Jäger. Haushaltspläne, Korrespondenz und Öffentlichkeitsarbeit gehören zu ihren Aufgaben. Unter anderem befasst sich die Äbtissin mit dem Wegebau, weil neue Wanderrouten das Kloster, ein Museum und das angrenzende Otterzentrum verbinden und für Touristen attraktiver machen sollen. Sie gehört dem örtlichen Kirchenvorstand und dem Kulturverein an.



"Ganzheitlich" nennt sie ihr neues Amt. Dazu gehört, dass Job und Privatleben nicht immer zu trennen sind, wenn man an einem so besonderen Ort wohnt und arbeitet: "Wenn am ersten Weihnachtstag ein Wasserrohr bricht, bin ich zuständig." Die Äbtissin ist zudem geistliche Leiterin des Konventes der Klosterdamen.



Die alleinstehenden Frauen, zumeist im Ruhestandsalter, führen in eigenen Wohnungen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Sie haben aber auch Pflichten wie Klosterführungen oder die Betreuung des Archivs. Täglich vor dem Mittagessen treffen sie sich zur Andacht. Wenn sie dabei Fürbitte für Menschen halten, knüpfen sie an die Geschichte des Klosters an. "Im ausgehenden Mittelalter war es eine ganz wichtige Aufgabe der Klosterdamen, für andere zu beten", erläutert die Äbtissin.



Von alten Traditionen zeugt in Isenhagen auch ein Museum, das vor allem mittelalterliche Textilkunst zeigt. Dass das Leben in den evangelischen Klöstern heute aber keineswegs verstaubt sein muss, sondern auch für moderne Frauen eine neue Herausforderung sein kann, will Susanne Jäger gemeinsam mit anderen Äbtissinnen vermitteln. Viele Klöster in der Lüneburger Heide suchen Nachwuchs. In den evangelischen Häusern lege niemand ein lebenslanges Gelübde ab, sagt die 54-Jährige: "Ich selber habe aber nicht den Vorsatz, bald wieder zu gehen."



Internet: www.kloster-isenhagen.de



epd lnb mir mil / 7. April 2010

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