Einstiegsalter von Jugendlichen in rechtsextreme Szene sinkt / Neue Arbeitshilfe erschienen

Nachricht 09. März 2010

Hannover (epd). Das Einstiegsalter von Jugendlichen in die rechte Szene sinkt nach Angaben der hannoverschen Landeskirche zunehmend. "Die Jugendlichen, die sich von rechtsextremem Gedankengut ansprechen lassen, werden immer jünger", sagte der stellvertretende evangelische Landesbischof Hans-Hermann Jantzen am Dienstag in Hannover. Sie seien zum Teil erst 12 oder 13 Jahre alt. Mit einer 70-seitigen Arbeitshilfe will die Landeskirche zur Aufklärung über den Rechtsextremismus anleiten.



Die Arbeitshilfe "Gib Hass keine Chance - Neo-Nazis enttarnen" soll Lehrern, Pfarrern und Jugendleitern Material an die Hand geben, Praxistage über den Rechtsextremismus zu gestalten. Dabei sind unter anderem Gespräche mit Aussteigern und ein "Parcours" für Jugendliche zum Thema vorgesehen. "Sie sollen eine Spürnase für rechtsextreme Musik, Symbole und Zitate entwickeln", sagte der Friedensbeauftragte der Landeskirche, Pastor Klaus J. Burckhardt. In Workshops nehmen die Jugendlichen die weltanschaulichen Grundlagen der Neonazis unter die Lupe.



Ein wichtiges Ziel sei, dass die Jugendlichen selbst die rechtsextreme Propaganda durchschauten, sagte der pädagogische Leiter der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt in Braunschweig, Reinhard Koch. Er hatte das Materialheft mit DVD gemeinsam mit der Kirche entwickelt: "Wenn es hinschauende Jugendliche gibt, die mit denen reden, die ein Angebot von rechts bekommen, ist das allemal besser als der belehrende pädagogische Zeigefinger."



Jugendliche rutschten laut Koch vor allem über Parties und Konzerte in die rechtsextreme Szene. Ihnen werde versprochen, dass sie dort Spaß haben und Kameradschaft erleben könnten. Laut Burckhardt nutzen Neonazis gezielt "blinde Flecken" im öffentlichen Leben aus und machten Angebote, wenn etwa in einem Ort ein Jugendzentrum schließe. Sie vermittelten jungen Leuten das Gefühl, als Weißer und Deutscher anderen überlegen zu sein. Der Reiz, etwas Verbotenes zu tun, mache die rechte Szene für Jugendliche zusätzlich spannend.



Jantzen betonte, das Rechtsextremismus und Christentum nicht vereinbar seien: "Wenn Menschen nach Wertvollen und weniger Wertvollen sortiert werden, verträgt sich das nicht mit unserem Glauben." Auch die Verachtung der Juden sei für Christen nicht hinnehmbar: "Wir haben als Christen unsere Wurzeln im Judentum, wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen." Gleichwohl seien rechtsextreme Anschauungen bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Jantzen hatte nach dem Rücktritt von Bischöfin Margot Käßmann vor zwei Wochen die Geschäfte des Bischofsamtes in Hannover übernommen.



9.3.2010

Copyright: epd-Landesdienst Niedersachsen-Bremen



Die Arbeitshilfe ist beziehbar bei der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben (www.arug.de), zum Preis von 5 Euro inkl. Porto