Evangelische Kirche will auf Käßmann-Kurs bleiben

Nachricht 25. Februar 2010

Frankfurt a.M./Hannover (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will sich auch nach dem Rücktritt der Ratsvorsitzenden Margot Käßmann weiter politisch Gehör verschaffen. Der amtierende Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider kündigte am Donnerstag an, von Käßmann angestoßene Themen wie die Afghanistan-Debatte aufzugreifen. Eine zentrale Frage sei zudem, "wie es in unserem Land sozial weitergeht" und wie mit den Schwächsten umgegangen werde, sagte der rheinische Präses. EKD-Synodenpräses Katrin Göring-Eckardt sagte, die evangelische Kirche wolle "politisch unbequem" bleiben.



Schneider nannte in einem WDR-Interview als weitere wichtige Themen weltweite Gerechtigkeit, Ökumene und Klimaschutz. Innerkirchlich sei eine Hauptaufgabe, den EKD-Reformprozess fortzuführen, der "in den Gemeinden ankommen" müsse.



Mit scharfer Kritik reagierte Schneider auf die Hartz-IV-Äußerungen von FDP-Chef Guido Westerwelle. Der Vizekanzler zeichne ein falsches Bild von Menschen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen seien. Von Sozialleistungen könne niemand bequem leben. "Und dann werden diejenigen, die Steuern zahlen oder in Arbeit sind, auch noch positioniert gegen die armen Menschen", rügte der 62 Jahre alte Theologe, der bislang als stellvertretender Ratsvorsitzender fungierte.



EKD-Synodenpräses Göring-Eckardt kündigte an, die EKD wolle fortsetzen, was Käßmann als "Gesicht des Protestantismus" in Deutschland angestoßen habe. "Wir sind entschlossen, den modernen, fröhlichen, den Menschen zugewandten Protestantismus weiterzuführen", sagte sie im ZDF. Einen Imageschaden durch die Vorgänge um Käßmann befürchtet die Grünen-Politikerin aber nicht.
Sie sagte dem epd, aus Sicht des Rates der EKD hätte Käßmann weiter im Amt bleiben können. "Sie hat in ihrer Gradlinigkeit anders entschieden", sagte die Vizepräsidentin des Bundestages, die dem EKD-Kirchenparlament vorsteht. Das verdiene hohen Respekt und sei ein "großer Dienst an unserer Kirche".



Nach nur vier Monaten an der Spitze der EKD hatte Käßmann am Mittwoch ihren Rücktritt erklärt. Zugleich legte sie ihr Amt als hannoversche Landesbischöfin nieder. Die 51-Jährige zog damit die Konsequenz aus einer Autofahrt mit 1,54 Promille Alkohol im Blut.



Günther Beckstein, einer der Vizepräses der Synode, schloss im Südwestrundfunk eine spätere Rückkehr Käßmanns an die EKD-Spitze nicht aus. Dass jeder Mensch die Chance bekommen solle, ein zweites Mal anzufangen, halte er für wichtig. "Ob das wieder an die Spitze der evangelischen Kirche führt, ist eine andere Frage", sagte der CSU-Politiker. Es sei seine Überzeugung, dass Käßmann "eine herausragende Persönlichkeit ist, die irgendwo wieder auch besondere Verantwortung kriegt und verdient".



Der kirchenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Siegmund Ehrmann, sagte im RBB, er gehe davon aus, dass Käßmann auch künftig eine wichtige Rolle in der evangelischen Kirche einnimmt. Sie werde dem deutschen Protestantismus "als wortgewaltige Predigerin und Mahnerin" erhalten bleiben. Nach ihrem Rücktritt von kirchlichen Leitungsämtern hatte Käßmann erklärt, Pastorin in der hannoverschen Landeskirche bleiben zu wollen.



Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) würdigte die "großartige Arbeit" der zurückgetretenen Bischöfin. Käßmann sei eine authentische und glaubwürdige Vertreterin ihrer Kirche gewesen, sagte von der Leyen am Donnerstag in Berlin bei der Auftaktveranstaltung zum "Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung". Käßmann war ursprünglich Schirmherrin der deutschen Kampagne im Europäischen Jahr gegen Armut. Nach ihrem Rücktritt sagte sie ihre Rede bei der Auftaktveranstaltung ab. Die Frage der Schirmherrschaft blieb zunächst offen.



Synodenpräses Göring-Eckardt sprach sich dafür aus, dass Schneider bis auf Weiteres den Ratsvorsitz übernimmt. Für eine kurzfristig anzusetzende Sondersynode zur Neuwahl sehe sie keine Notwendigkeit, sagte die Grünen-Politikerin dem epd. Der EKD-Rat als oberstes Leitungsgremium will bei seiner Sitzung am Freitag und Samstag in Tutzing über das weitere Vorgehen beraten. Schneider könnte die Geschäfte laut Kirchenordnung zunächst bis zur turnusgemäßen Synodentagung im November führen.



Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland ließ bislang offen, ob er sich vorstellen kann, das protestantische Spitzenamt über die kommissarische Leitung hinaus auszuüben. "Ich muss mich auf diese neue Situation jetzt erst mal einstellen", sagte Schneider am Donnerstag. Er sei aber bereit, "die jetzt gestellten Aufgaben anzunehmen". Wie es dann weitergehe "und wer auf Dauer für die nächsten Jahre für dieses Amt infrage kommt, das wird sich herausstellen".



epd lnb bas/lde mil / 25.2.2010

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