Politik und Kirchen bedauern Rücktritt Käßmanns

Nachricht 24. Februar 2010

Berlin/Hannover/München/Frankfurt a. M. (epd). Der Rücktritt Margot Käßmanns vom Ratsvorsitz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat bei zahlreichen Vertretern aus Politik und Kirchen Bedauern hervorgerufen. "Ich habe die Zusammenarbeit mit Bischöfin Käßmann sehr geschätzt", erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch in Berlin. "Ich hoffe, dass sie sich auch weiterhin zu Wort melden wird", sagte der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel. Die katholische Kirche bedauerte Käßmanns Schritt ebenfalls.

Käßmann hatte ihr Amt am Nachmittag als Konsequenz einer Trunkenheitsfahrt niedergelegt. Sie trat auch als hannoversche Landesbischöfin zurück. Er bedauere ihren Rücktritt sehr, da er Käßmann als "verlässliche Anwältin für Solidarität" und starke Persönlichkeit kennengelernt habe, so Gabriel.

Der Ratsvorsitz der EKD geht bis zur Neuwahl an Käßmanns bisherigen Stellvertreter Präses Nikolaus Schneider über. Dieser sprach Käßmann gemeinsam mit der Präses der EKD-Synode, Katrin Göring-Eckardt, seinen Respekt aus. Ihr Rücktritt sei ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus, erklärten die beiden Vertreter der EKD-Spitze am Mittwoch in Hannover.
"Wir wissen uns auch zukünftig im gemeinsamen Glauben getragen und in unserer Kirche verbunden." Dass Käßmann ihren Fehler sofort eingestanden und aus ihrer Fehlerhaftigkeit keinen Hehl gemacht habe, sei für viele Menschen Ausweis dessen, dass sie eine glaubwürdige Zeugin für ein Leben aus der Vergebung Gottes sei. Die beiden EKD-Vertreter verwiesen auf die Erklärung des Rates, in der Käßmann nach ihrer Alkoholfahrt das Vertrauen ausgesprochen worden war.

Auch die katholische Kirche zollte Käßmann Respekt. "Ich kenne Frau Käßmann seit langem als einen Menschen, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen", sagte Erzbischof Robert Zollitsch am Mittwoch in Freiburg. Er respektiere gerade deshalb ihre Entscheidung und könne diesen Schritt verstehen, so der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. "Ich wünsche ihr in dieser schwierigen Stunde Gottes Segen", fügte Zollitsch hinzu.

Die kirchenpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen von Union, SPD, Grünen und Linken zeigten sich ebenfalls betroffen über den Rücktritt der Ratsvorsitzenden. Die FDP-Bundestagsfraktion sprach Käßmann "großen Respekt und Anerkennung" aus. So rasch und so konsequent aus eigenem Fehlverhalten Konsequenzen zu ziehen, sei moralisch wie menschlich hochanständig, sagte der Grüne Josef Winkler. Die Evangelische Kirche in Deutschland verliere mit Käßmann eine Bischöfin, die zu Recht über die eigenen Reihen hinaus Respekt und Anerkennung verdient habe, sagte die Kirchenbeauftragte der Union, Maria Flachsbarth. Die Entscheidung Käßmanns verdiene tiefsten Respekt, erklärte Siegmund Ehrmann (SPD). Raju Sharma (Linkspartei) sagte, zum Krieg in Afghanistan habe Käßmann den Mut gehabt, eine "klare und an humanitären Werten orientierte Position" zu beziehen.

Der Vizepräses der EKD-Synode, Günther Beckstein, sagte gegenüber dem epd: "Von mir aus hätte sie bleiben können." Nach evangelischem Amtsverständnis sei ein Bischof oder eine Bischöfin auch nur ein fehlbarer Mensch, so der ehemalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Politiker. Beckstein erinnerte daran, dass Käßmann im Unterschied zu ihrem Vorgänger Wolfgang Huber, der ein disziplinierter Intellektueller gewesen sei, stets eine "tiefe Menschlichkeit" habe durchblicken lassen.

Der bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich wertet den Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann als einen schweren Verlust für den deutschen Protestantismus. Es sei zwar keine Bagatelle, mit 1,54 Promille Blutalkohol Auto zu fahren, erklärte Friedrich am Mittwoch in München. Bischöfin Käßmann habe jedoch ihren Fehler sofort eingestanden. Der evangelische Militärbischof Martin Dutzmann erklärte: "Ich bedauere den Rücktritt der Ratsvorsitzenden außerordentlich, weil ich Frau Käßmann in den letzten Wochen - gerade auch in der Diskussion um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr - als äußerst konstruktiv und hilfreich erlebt habe."

"Ich bin tief erschüttert und sehr traurig über die Ereignisse der vergangenen Tage", sagte Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen. Die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann äußerte Bedauern über den Rücktritt von Margot Käßmann. Den Menschen in Deutschland werde die Stimme von Käßmann fehlen, sagte die leitende Geistliche der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland am Mittwoch in Magdeburg. Käßmann habe viele Menschen erreicht, weil sie "ehrlich, offen und zugleich behutsam die Brüche und Möglichkeiten des Scheiterns im Leben" angesprochen habe.

Auch der Berliner Bischof Markus Dröge bedauerte den Rückzug von Käßmann als hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende. Mit ihrem Rücktritt von beiden Leitungsämtern setze sie "das hohe Maß an Glaubwürdigkeit fort, das sie selbst lebt und von anderen einfordert", sagte Dröge. Respekt zollte der sächsiche Bischof Jochen Bohl für die Entscheidung Käßmanns. Sie habe Schaden von ihrem Amt fernhalten wollen. Dies entspreche ihrer "klaren und geradlinigen Persönlichkeit".

Die Präsidentin den Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, äußerte Verständnis für den Rücktritt von Margot Käßmann. Mit diesem Schritt habe Käßmann Mut bewiesen, erklärte Knobloch am Mittwoch in München. Die Zentralratspräsidentin fügte hinzu: "Ich schätze Frau Käßmann insbesondere wegen ihres aufrichtigen Charakters und ihres hartnäckigen Engagements gegen den Rechtsextremismus."

Die Deutsche Evangelische Allianz nahm den Rücktritt der Ratsvorsitzenden der EKD "mit Respekt" zur Kenntnis. "Zugleich danken wir ihr für die bisherige vertrauensvolle Zusammenarbeit", so der Vorsitzende Jürgen Werth.

Die Diakonie hat die zurückgetretene EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann als engagierte Kämpferin für soziale Nöte gewürdigt. "Sie hat die sozialpolitischen Themen und die Anliegen der Menschen, die Hilfe brauchen, engagiert ins öffentliche Bewusstsein gerückt", erklärten der Präsident und das Vorstandsmitglied des Diakonischen Werkes, Klaus-Dieter Kottnik und Kerstin Griese, am Mittwoch in Berlin. Griese und Kottnik bedauerten den Rücktritt Käßmanns, drückten aber zugleich ihren Respekt für die Entscheidung und den Mut dazu aus. In der kurzen Zeit ihres Ratsvorsitzes habe die Diakonie außerordentlich gut und konstruktiv mit Käßmann zusammengearbeitet.

epd lnb bas mir / 24.2.2010
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