Käßmann bleibt kritisch - Bischöfin hält Truppenaufstockung in Afghanistan für problematisch - Rückendeckung von Lammert

Nachricht 30. Januar 2010

Hannover (epd). Bischöfin Margot Käßmann bewertet die Ergebnisse der Londoner Afghanistan-Konferenz positiv, hält es aber für problematisch, dass mehr Soldaten an den Hindukusch geschickt werden sollen. Ob der auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geforderte Strategiewechsel eingeleitet wird, werde sich noch zeigen müssen, sagte die EKD-Ratsvorsitzende: "Die Konferenz allein ist sicher noch nicht hinreichend."



Auch der katholische Militärbischof Walter Mixa äußerte sich grundsätzlich zufrieden mit den Vereinbarungen der internationalen Staatengemeinschaft. Unterdessen nahm Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) die EKD-Ratsvorsitzende gegen Kritik an ihren Äußerungen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr in Schutz. Er habe mit Käßmanns öffentlichem Zwischenruf keine Probleme.



Käßmann sagte der "Frankfurter Rundschau" (Samstagsausgabe), zwei der zentralen Anliegen der EKD seien bei der Londoner Konferenz am Donnerstag berücksichtigt worden: "Die deutsche Entwicklungshilfe wird verdoppelt. Das zeigt, dass der Vorrang des Zivilen wahrgenommen wird", sagte die Bischöfin, die den Bundeswehreinsatz in Afghanistan in mehreren Interviews und Predigten zum Jahreswechsel kritisiert hatte. Auch der Versuch, ein Aussteigerprogramm für Taliban-Kämpfer aufzulegen, zeige, "dass mehr Fantasie für den Frieden ins Spiel kommt".



Die internationale Staatengemeinschaft hatte sich in dieser Woche in London darauf verständigt, die Verantwortung für die Sicherheit im Land in den nächsten Jahren schrittweise an die afghanische Regierung zu übergeben. Kurzfristig sollen die internationalen Truppen aufgestockt werden, ein Abzugsdatum wurde nicht vereinbart. Die Bundesregierung will bis zu 850 deutsche Soldaten zusätzlich nach Afghanistan entsenden und die Entwicklungshilfe auf 430 Millionen Euro pro Jahr nahezu verdoppeln. Derzeit umfasst das deutsche Kontingent 4.500 Soldaten.



Käßmann betonte, ihre zum Teil auch innerkirchlich kritisierte Position zum Afghanistan-Einsatz sei "völlig im Einklang mit den friedensethischen Positionen der EKD". Nach der öffentlichen Kritik habe sich die EKD hat sich ganz klar hinter ihre Position gestellt, sagte die hannoversche Landesbischöfin. Mitunter müsse offensichtlich zugespitzt formuliert werden, sagte Käßmann und verteidigte damit den Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" aus ihrer Neujahrspredigt. Sie habe "noch nie mit einer Predigt so viel Resonanz hervorgerufen".



Der katholische Militärbischof Walter Mixa sagte der in Ludwigshafen erscheinenden "Rheinpfalz am Sonntag" laut Vorabbericht, Krieg sei aus der Sicht der Kirche immer ein Übel und eine Niederlage der Menschheit. Diplomatische Initiativen für Afghanistan seien überfällig, "weil nach kirchlicher Überzeugung militärische Mittel nie allein geeignet sind, Konflikte zu lösen". Käßmann sagte der "Frankfurter Rundschau": "Das Militär allein hat noch nie Frieden geschaffen." Allerdings könne der Einsatz militärischer Mittel zur Verteidigung der Menschrechte und zum Schutz von Menschenleben "in engsten Grenzen" geboten sein.



Käßmann, die in den vergangenen Tagen auch wegen Äußerungen zum Krieg der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland kritisiert worden war, sagte: "Niemand wird bestreiten, dass es das Militär brauchte, um den Nazi-Terror zu besiegen." Doch seien die "Furien der Gewalt" auch damals losgetreten worden, sagte die Bischöfin und verwies auf die Bombardierung eines Flüchtlingstrecks. "Warum gibt es eigentlich in den Konflikten dieser Welt keinen so massiven Einsatz von Geld, Energie, Menschen und Fantasie, bevor die Gewalt ausbricht und militärisch eingedämmt werden muss?", fragte die EKD-Ratsvorsitzende.



Bundestagspräsident Lammert sagte der "Berliner Zeitung" (Samstagsausgabe) zur Kritik an Käßmann, es wäre seltsam, wenn sich eine Bischöfin zu einem militärischen Engagement Deutschlands ähnlich äußern würde wie eine Kanzlerin oder ein Verteidigungsminister. Er sehe die Rolle der Kirche nicht darin, sich auf das Spirituelle zu beschränken. "Die Kirchen sollen ihre Botschaft einbringen in die Geschäftigkeit der Gesellschaft. Das muss knirschen - nicht ständig, aber es muss knirschen", sagte der CDU-Politiker.



epd lnb bas mil / 30.1.2010

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