Käßmann bei Gysi: Afghanistan-Debatte zu lange "unterm Deckel gehalten"

Nachricht 17. Januar 2010

Berlin/Hannover (epd). Die Diskussion über den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan ist nach Ansicht der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann "viel zu lange unterm Deckel gehalten worden". So erkläre sie sich die heftigen Reaktionen auf ihre Neujahrspredigt, sagte die hannoversche Landesbischöfin in einem Gespräch mit dem Vorsitzenden der Linksfraktion, Gregor Gysi, am Sonntag im Deutschen Theater in Berlin.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hatte in Predigten und Interviews zum Jahreswechsel mehrfach den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan kritisiert und einen Plan für den Abzug der deutschen Soldaten gefordert. Der Krieg sei nach friedensethischen Maßstäben der evangelischen Kirche nicht zu rechtfertigen. Auf Kritik stieß insbesondere der Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" aus Käßmanns Neujahrspredigt. #

Sie würde diese Predigt wieder so halten, sagte die Bischöfin. Seit der Zerstörung der Tanklaster in Kundus sei in der Öffentlichkeit deutlich geworden, dass die deutschen Soldaten in Afghanistan nicht nur Brunnen bohrten, sondern dass dort Krieg sei, erläuterte Käßmann. Sie kritisierte, dass im Vorfeld der Afghanistan-Konferenz in London die Frage der Truppenaufstockung im Zentrum stehe. Das Kriterium, durch den Militäreinsatz den zivilen Aufbau zu ermöglichen, gerate in den Hintergrund. "Wenn wir Soldaten hinschicken, müssen wir das Vierfache an zivilen Kräften und Entwicklungshelfern mitschicken", forderte Käßmann.

Es gehe ihr bei der Debatte auch um die Soldaten. Zu ihr kämen junge Männer, die sich fragten, warum sie in Afghanistan kämpften. Käßmann äußerte ihr Unverständnis über den Vorwurf, sie lasse mit ihrer Infragestellung des Einsatzes die Soldaten im Stich. "Wenn jemand überrascht davon ist, dass die Kirche zum Frieden mahnt, finde ich das komisch." 

"Die reagieren so empfindlich, weil sie ein schlechtes Gewissen haben", sagte Gysi mit Blick auf die Kritik von Unions- und SPD-Politikern an Käßmann. Er appellierte an Käßmann, sich nicht einschüchtern zu lassen. "Sie müssen Politiker weiterhin nerven", forderte er die Ratsvorsitzende auf.

Auf Käßmanns Außerung: "Ich höre jetzt oft, ich sei naiv und wisse nicht, was ich sage." antwortete der Vorsitzende der Linksfraktion: "Es gibt deutlich dümmere Männer, denen das nie gesagt wird."

epd lnb bas mil/17.1.2010
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